HANS-GEORG KAISER

REIMGEDICHTE

B

  • Badewannen, Badewonnen
  • Barhausfliegenkiller Buk
  • Bauern und Wölfe
  • Behördendeutsch
  • Beisskuss
  • Bei Vollmond
  • Bei Winteranbruch
  • Besuchen wir Europa
  • Betriebsfete
  • Billiardspieler
  • Bis die Jukebox dudelt ?
  • Blühende Liebe
  • Bommerlunder
  • Bordellgebet
  • Boxkampf
  • Braunbär Bruno
  • Bronzestatue
  • Bücherwurm
  • Bussinesskasper


Badewannen, Badewonnen

Winde wehen, Wasser mähen,
wenn sie in die Wanne gehen.
Augen schauen hin zum Blauen,
wenn sie nach der Liebsten schauen.

Wannen wampen, Bäuche blähen,
Beine sich im Wasser drehen.
Eifernd blitzen Augenbrauen,
die sich an das Liebste trauen.

Enten spritzen, Winde drehen,
wenn wir Nackten auferstehen.
Badewannen, Badewonnen;
ach, wir sind ganz unbesonnen.


Barhausfliegenkiller Buk

Warum es noch verschweigen?
Ihn ekeln Fliegen sehr.
Er kann es euch auch zeigen.
Die letzte lebt nicht mehr.
Das kommt vom Selbsterhaltungstrieb.
Er hat nur tote Fliegen lieb.

Wenn sie in Ohren liegen
und klebrig sind wie Teer.
Wenn sie in Cocktails fliegen,
dann hasst er sie noch mehr.
Dann scheucht er sie, aus Not verroht,
und schlägt die Barhausfliegen tot.

Bauern und Wölfe

Ein Schwede wacht auf seinem Hof,
er findet alle Wölfe doof,
der Bauer.

Der Bauer einen Wolf erschoss.
Stig, Engdahl, den der Wolf verdross,
ein Bauer.

Der Bauer darf den Wolf nicht schießen.
Man will ihn hinter Gitter schließen,
den Bauer.

Der Bauer schimpft auf seinen Staat,
der mehr für Wölfe übrig hat.
Der Bauer.

Der Bauer gibt nun zu verstehn:
So kann das doch nicht weitergehn
bei Bauern!

Der Bauer wendet sich ans Land,
weil er beim Staat nicht Gnade fand,
der Bauer.

Der Bauer fragt: Wie soll man leben,
wenn sie nur Wölfen Rechte geben?
Nicht Bauern.

Der Bauer lebt im Hinterland,
darum ist wohl der Streit entbrannt,
mit Bauern.

Behördendeutsch

Den einen freut's,
den andern reut's.
Man widerkäut's,
doch nun deut's!

Beisskuss

(auf melanesische Weise)

Erst werden Zungen angesaugt,
die reibend sich begrüßen,
bis man in Unterlippen beisst
und Blut und Speichel fließen.

Dann beisst man in die Wangen sich
und andre edle Teile.
Es zwackt mitunter mörderlich,
doch kennt man keine Eile.

Dann wird es für die Wimpern Zeit,
auch die noch zu genießen.
Man beisst sie durch aus Albernheit
und legt sie sich zu Füßen.

Bei Vollmond

Bei Vollmond kommt Leben
ins Dunkel der Nacht.
Die Geister spazieren.
Das Grauen erwacht.

Die Hexen gebären.
Der Schlafwandler lacht.
Die Katzen erklimmen
die Giebel mit Macht.

Bei Winteranbruch

Oh, du röhrender Hirsch
und der Hass auf der Pirsch,
ihr Tiere im Thüringer Wald.

Oh, Schneewittchen, du
und ihr Henker dazu,
im Glashaus zur steifen Gestalt.

Oh, du manischer Zwerg
aus dem Zauberlandberg,
du Gnom voller nackter Gewalt.

Oh, du deutsches Gemüt,
dass zu Nietzsche hin flieht.
Es wird hier schon wieder so kalt!

Besuchen wir Europa...

Besuchen wir Europa,
es macht verdammt was her,
zu Fuss, im Kahn, im Fluge,
beim Segeln auf dem Meer.

Besuchen wir Europa
auf Bergen und im Tal,
in den Hotels, Pensionen
und abends auf dem Ball.

Geniessen wir die Nächte
und trinken wir am Quell,
hin wandernd zu den Flüssen,
wo alles fliesst und schnell.

Es treibe uns die Freiheit
von Stadt zu Stadt weit fort.
Genießen wir die Landschaft,
wenn das noch geht vor Ort.

Besuchen wir Europa
bevor's zu Staub zerfällt,
geniessen wir die Zeit noch,
bis Krieg es überfällt.

Besuchen wir Europa
auf Reisen ohne Zwang,
beim Schoppenweinvergnügen,
noch vor dem Untergang.

Besuchen wir Europa
eh' es den Sinn verliert,
weil Stress in den Geschäften
zum Untergang verführt.

Besuchen wir Europa.
Es macht verdammt was her,
im letzten Zug zu liegen,
im Auto, beim Verkehr.

Besuchen wir Europa,
dass keine Jungfer ist,
es liebt zu sehr die Euros,
das tödliche Gelüst.


Betriebsfete

(ein tierisches Saufgelage)

Der Löwe lud zu seinem Fest
viel Volk und ein paar Spechte.
Der Löwe fand, es wär ein Test
zur Prüfung seiner Knechte.

Es trank und fraß die ganze Brut,
dann folgten derbe Zoten.
Das Hundejunge sang sehr gut.
Ein Strauß hielt ihm die Noten.

Der Esel fand es wunderbar,
den Wanst sich vollzusaufen.
Der Ratte war der Vorgang klar:
Sie ließ den Bierhahn laufen.

Man rief begeistert hin zum Leu,
so wie es angeraten.
Die Amsel zwitscherte sehr treu
des Löwen Heldentaten.

Der Jaguar, den niemand rief,
der knirschte mit den Zähnen.
Der Fuchs entsandte einen Brief
und schickte die Hyänen.


Billiardspieler

(Dix 1914)


Der Billiardspieler stößt dämonisch
im fahlen Licht die weiße Kugel an,
die Kugeln wirbeln dumpf und hämisch,
schwarz-rote Gestalten rücken heran.

Blühende Liebe

Meine Kleine, große Liebe,
Ha, du lachst ja, süßes Ding.
Frühling lockt mich und ich sing:
"Winter flieht! Es spriessen Triebe!"

Und wenn uns auch sonst nichts bliebe.
Aus den Nähten platzt die Welt.
Blumen blühen auf dem Feld.
Und du blühst für mich voll Liebe.

Deine Liebe, die ich liebe,
ist so herrlich und so bunt.
Frühling, sagst Du, wär' gesund,
wenn ich's auf die Haut Dir schriebe.

Bommerlunder

Die Bommerlunder sinken,
 Wenn Leuchturmrunden trinken
Und alle Bojen blinken,
Die man bald doppelt sieht.

Man klopft sich auf die Schinken.
Die guten Frauen winken,
wenn alle sich betrinken
und Bommerlunder blüht.


Bordellgebet

Vater,
Mutter,
es wird hell.
Doch ich liege
im Bordell,
hier auf einem
weichen Fell!

Und ich lieg nicht
ganz allein.
Bitte es mir
zu verzeihn,
wenn die Nutten
'Hilfe!' schrei'n.


Boxkampf mit Frauenpower

(Moderator Raab, die Killerplauze,

gegen Boxweltmeisterin Regina Halmich)


Kann die Frau auch diesen Mann,
der ein wenig boxen kann,
mit der Faust zu Boden schicken?
Wird ihr dieses Ding denn glücken?

Erster Kampf: Her Raab ist platt,
Killerplauze schlapp und matt.
Schützt sich gegen sie mit Händen
Konnte sich kaum selbst noch wenden.

Zweiter Kampf, nun geht's schon besser.
Maulheld Raab kämpft bis aufs Messer,
doch die Fäuste Hallmichs fliegen,
so kann sie erneut klar siegen.

Sie ist fair ihn dann zu loben.
Raab behielt den Kopf ja oben.
Kämpfte bis zur letzten Runde,
grosse Sprüche nicht im Munde.

Doch sie ist WM-erfahren,
Titelträgerin seit Jahren,
so kann sie erneut gewinnen.
Frauenpower, doch bei Sinnen.

Raab, der Quotenkämpfermann;
sie, die wirklich boxen kann.
Dieser Kampf bewegte Massen.
Und so klingelten die Kassen.

Braunbär Bruno ist tot

4.50 Uhr, nachts, 26.Juni 2006

Der Braunbär Bruno ist nun tot,
im Bayernland erschossen.
Sie handelten nur nach Gebot,
die bayrischen Genossen.

Minister Schnappauf, CSU,
der wollte es so haben,
sonst hätte ihm der Bär im Nu
den Posten untergraben.

Der Braunbär hat die Macht gestört.
Da kennt man keine Gnade.
Der Umweltschützer sind empört.
Um Bruno ist es schade.

Bronzestatue

Warum küsst du, kühle Frau,
denn bloss die Statue?
Handelst du denn wirklich schlau,
warum das Getue?

Diese Bronze, kühle Frau,
die ist doch nicht wichtig.
Sage mir mal ganz genau,
machst du's wirklich richtig?

Nicht mal mit dem Unterleib
könntest du ihn wecken.
Dieser Tote, kühles Weib,
bliebe in dir stecken.

Küsste ich dich mit Genuss,
würde ich dich zünden.
Weckte dich mit Zungenkuss
aus frivolsten Gründen.

Lass das Bronzestandbild sein,
bleib an ihm nicht kleben.
Küsse mich und häng dich ein.
Ich bin noch  am Leben.

Bücherwurm

Der verdrehte Bücherwurm,
sitzt in seinem Bücherturm,
wo die Geister alle tanzen
mit den Mäusen und den Wanzen.

Er hat einen feinen Mund
und verachtet jeden Schund.
Doch wenn die Besucher lärmen,
kriegt er Krämpfe in den Därmen.

Dieser Null wird nie vergeben,
denn er führt kein Menschenleben.
Statt zu lachen und zu lieben,
ist er Tier und Wurm geblieben.

Sieht die Welt nur aus dem Buch,
und das wird ihm schnell zum Fluch.
Er trennt Fressen vom Gewissen
und hält sich noch für gerissen.

Bussinesskasper

Ich sah den Bussinesskasper Star,
in einer Bar im Januar.
Derselbe jobbte da ein Jahr,
als er noch Arbeitsloser war.

Jetzt nippt er selbst an großen Drinks,
den alten Freunden aber stinkt's.
Der Busssinesskasper war einst links,
jetzt redet er wie eine Sphinx:

"Sowohl als auch und andrerseits,
den Kopf durch Wände? Bitte meid's!
Was sich verkauft, hat seinen Reiz.
Verkauft euch selbst, was soll der Geiz?"

Soll man den Armleucht gleich verdammen?
Sind wir nicht Opfer doch zusammen?
Wir brauchen alle die Moneten,
besonders gilt's für die Proleten.

Wie soll man aber richtig leben,
es muss doch eine Lösung geben?
Die bess're Welt kann nur gelingen,
wenn wir das Glück im Kampf erzwingen.