Hans - Georg Kaiser
Lob der Faulheit
(für alle, die zu viel arbeiten)

Faulheit, du geliebte, die nicht einmal
an Sonntagen oder Festtagen zu Besuch kommst,
wenn andere schon faul in der Sonne sitzen,
du, die nur dann einmal erscheinst,
wenn ich schon so müde bin,
dass ich kein Augenlid mehr
heben kann,
gelobt sei dein Name.
Dein Reich komme, dein Wille geschehe,
wie in der Freizeit, so auch in der bezahlten Arbeit.
Unsere tägliche Dosis Faulheit gib uns schon heute und verhindere unseren zu großen Fleiß.
Und erinnere uns immer daran, daß auch wir nicht jeden Tag alles gleich zu Ende bringen müssen, kümmere dich darum, dass unser Fleiß
nie zu groß werde.
Und verzeih uns, wenn die Arbeitswut uns dennoch manchmal ergreift, weil sogar noch in der entfremdeten Arbeit von Sklaven der kleine Rest persönlicher Freiheit auffindbar ist, der in uns verschüttete Kreativität weckt.
Faulheit, befreie uns von dem Übel, das da ist,
zu viel für zu wenig Geld zu arbeiten.
Erinnere uns immer daran,wie faul die Arbeitgeber und alle die anderen Antreiber sind.
Faulheit, die du immer wieder aus den Qualen und Leiden sinnloser Arbeiten im selbstmörder- ischen Kampf aller gegen alle hervorbrichst,
gelobt sei dein Name, denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Gelobt sei dein Name, geliebte Faulheit.
Ohne wenn und aber - amen!