Hans-Georg Kaiser
De Facto

Ich kannte eine Frau,
die mich liebte -
nach meinem Gefühl.
Wie ein Schmetterling
oder eine Möwe
flog sie in meinen
Träumen oder Tagträumen.
Bis sie mich lehrte,
dass ich ein ganz
normaler Idiot
wie alle die anderen bin,
vielleicht sogar noch
etwas idiotischer als andere.
Sie sagte, dass
sie überhaupt keine Liebe
zu mir empfunden hätte.
„Und die Gedichte,
die du geschrieben hast?"
fragte ich sie.
„Die schrieb ich
in der Erinnerung
an eine ganz andere Person,
verstehe doch, mein Lieber,
doch nicht für dich,
wie stellst du dir denn das vor?
De facto kenne ich dich doch gar nicht,
Das interessiert mich auch nicht mehr.
Also, lass das in Zukunft bleiben, okay?
Und in einem gewissen Sinn
hat sie tatsächlich recht.
Sie schreibt weiter Gedichte
für andere Personen,
und sie erwähnt meine
in diesen Gedichten
von Zeit zu Zeit
in merkwürdig
launigen Zitaten.
Aus Rache?
Aus Spottlust?
Aus Vergesslichkeit?
Aus irgendeinem anderen heimlichen Grund?
Liebt die Frau mich vielleicht
doch noch irgendwie?
Ich werde es niemals erfahren.
Das ist sicher für mich.
Alles, was ich von Frauen weiss,
ist nur dies: dass Frauen alle
rätselhaft sind wie eine Sphinx.