
Hans-Georg Kaiser
Die Kunst gehört
den Völkern!
(für Ben Vautier und sein GemäldeJ'aime peindre, 1960)
Aus Bildern werden Zeichen.
Aus Zeichen wird Schrift.
So war das bisher.
Da kam Ben Vautier.
Und siehe da,
aus Schrift wurden wieder Bilder.
Schrift und Bild wurden plötzlich ein Liebespaar.
Mit Öl auf Leinwand gemalt.
Sogar signiert von Ben,
damit auch ein Dummkopf erkenne:
Aha, das ist also ein Kunstwerk!
Weiß auf Schwarz,
wie an der Schultafel!
Ungewöhnlich.
Das Gemälde darf sogar gelesen werden:
Ich liebe es zu malen
Ich liebe die Frauen
Ich liebe das Bier
Ich liebe es, wenn man von mir spricht
Ich liebe die Wahrheit zu sagen.
Banal?
Nein!
Genial!
Hier redet Jedermann.
Das könntest du gesagt haben, Leser!
Du bist gemeint, Betrachter!
Das soll nämlich keine große Kunst sein!
Hier wird kein besonderer Stil angestrebt,
sondern Stillosigkeit.
Oder doch ein Stil?
Ist hier etwa die Stillosigkeit
das Kunststück?
Nein! Anders!
Ben will uns sagen:
Kunst ist nicht nur für Perfektionisten da!
Kunst ist für jeden machbar, klar also?
Runter vom Thron, eingebildete Kunst,
und rein ins Klassenzimmer.
Die Kunst gehört den Völkern!
Ben ist ein Revolutionär.
Ben hat gewiss den Taoisten
Dschuang Dschou gelesen;
schon der alte Chinese,
hatte gegen die Geschickten
gewettert, die aus der Kunst
eine Affendresssur gemacht haben!
Viele Wege führen zur Kunst!
Nicht nur der über die Mal-Akademie!
Kunst verlangt vor allem aber eines -
einen selbstständigen
unbestechlichen Kopf,
der sich von nichts
und niemandem
vor die Karre spannen lässt!