Hans-Georg Kaiser
Dort oben, da leuchten die Sterne

Deine Freunde,
wenn du noch welche hast,
oder deine Ehehälfte,
wenn ihr noch nicht geschieden seid,
oder der Kanarienvogel,
wenn er noch nicht weggeflogen ist,
erzählen dir alle ohne das geringste Mitleid
immer wieder die gleichen langweiligen Geschichten.
Du denkst, du wärst schon längst tot,
kein Gefühl mehr, für nichts.
Alles scheint weiter weg von dir zu sein
als irgendwelche fernen Galaxien.
Du willst etwas lesen, aber die Zeilen
schwimmen dir vor den Augen weg.
Du willst etwas aufschreiben,
aber du fragst dich sofort:
Warum? Weshalb? Wofür?
Das will ja doch keiner lesen.
Es ist wie ein Absturz in einen Abgrund.
Du bewegst dich nicht mehr,
sitzt da wie angekettet,
deine Fußnägel wachsen
scheinbar in die Dielen.
Jeder Widerstand gegen dieses Gefühl
ist offenbar sinnlos.
Der dritte Weltkrieg könnte jetzt ausbrechen,
es wäre dir egal.
Dann raffst du dich aber doch auf,
ziehst dir einen Mantel an und gehst
hinaus in die kühle Nacht.
Dort oben, da leuchten die Sterne,
und du läßt den Kopf hängen
und schlepppst dich apathisch voran
durch die Geisterstadt.
Deine Schritte hallen,
als ob man dich verfolgen würde,
und deine Schatten folgen dir nach.
Dann dringt dir aber doch
die Kälte unter die Haut
und deine Abgestumpftheit verliert sich.
Danach siehst du dir die Sterne an.
und dann fragst du dich verwundert,
warum du vor fünf Minuten
noch so niedergeschlagen warst.