HANS-GEORG KAISER
REIMGEDICHTE
D
- Dann und wann heult ein Mann
- Das böse Wort
- Das böse Wort II
- Das fünfte Evangelium
- Das Haus in der Kesselgasse
- Das Leben ist...
- Das Wunder
- Dein Geburtstag
- Delfine
- Denker
- Denkst auch du an blaue Nächte?
- Der beste Weihnachtsmann
- Der Fremde
- Der Schluss
- Der Tote
- Der Unbegreifliche
- Der Weihnachtsbaum muss weg
- Diabolisch
- Dichter gesucht
- Die Front
- Die Ohrmeisen
- Dreht sich der Dichter einmal um
- Du, meine Zuckerpuppe
- Dunkle Gassen
Dann und wann heult ein Mann
Dann und wann heult ein Mann
wegen Dreck, muss lachen.
Säuft sich trotzdem einen an.
Lässt die Blitze krachen.
Mit der Faust auf den Tisch,
fällt dann um, will schlafen.
Flüstert noch: Ich liebe mich.
Schwärmt von London, Traven.
Dann und wann wankt ein Mann
um die Nachtlaternen.
Macht auch da noch, was er kann,
greift beherzt nach Sternen.
Das böse Wort
Man warf die Wahrheit über Bord.Umsonst gewarnt
in einem fort.
Das stand es auf, das böse Wort,
mit Grün getarnt,
und war doch Mord.
Das böse Wort II
Es reckte sich in seinem Hort
und jagte Friedenstauben fort.
Dann stand es auf, das böse Wort:
Es heißt:
MORD !
Das fünfte Evangelium
Das fünfte Evangeliumliegt wasserdicht verschlossen
in einem Wrack auf dem Meeresgrund.
Die Mannschaft wurde erschossen.
Das fünfte Evangelium
hat Barabbas geschrieben.
Der war ein Kämpfer und Rebell,
ein Mann, den die Kühnen lieben.
Das fünfte Evangelium
hat niemand je gelesen,
und die es lasen, brachten sich um,
so schrecklich war es gewesen.
Das fünfte Evangelium
ist aller Welt verborgen,
in einem Geheimsafe im Totenschiff,
das macht uns heute noch Sorgen.
Das fünfte Evangelium
ist Sprengstoff größter Dosierung,
ein wahres koptisches Teufelszeug
zu unserer aller Verführung.
Das fünfte Evangelium
weiß mehr als wir noch wissen
von Jesus, dem Menschen und seiner Zeit,
von ganz verborgnen Genüssen.
Das fünfte Evangelium
wird irgendwann noch gefunden,
dann reißt eine stürmische Sintflut los,
die Sintflut der letzten Stunden.
Das fünfte Evangelium
erscheint in den Zeitenwenden,
es tauchte schon einmal in Frankreich auf,
in Rußland, in falschen Händen.
Das fünfte Evangelium
gibt uns dann das letzte Zeichen.
Der Aufstand gegen Rom wird gewagt,
der Aufstand gegen die Reichen.
august 94
Das Haus in der Kesselgasse
Es stand ein Haus in Altenburgmit "der UTE", dem Kino drin.
Es lag ein Fluch auf diesem Haus,
für alle Bewohner darin.
Wir wohnten dort alle zusammen,
Die Mutter kam oft spät heim,
Geschwister und Großmutter, Tante,
die Wohnung war viel zu klein.
Ich bin in dem Haus gewandert,
und mehrmals nackt bis aufs Dach,
bin in die Mansarden geklettert,
und blieb auch manche Nacht wach.
Mein Vater war ein Trinker,
kam oft schwer besoffen an,
er war nur charmant in den Kneipen,
ein seltsam zerissener Mann.
Ich seh ihn noch vor mir liegen,
so höhnisch in seinem Blut,
nach einem Unfall im Suffe;
mein Vater war nicht gut.
Er lag oft herum auf dem Sofa
und prügelte mich gemein.
Ich sammelte, wenn er wegging,
das Geld aus dem Sofa ein.
Als dann die Ehe kaputt war,
trat er an die Tür voller Wut,
er wurde mit der Axt verjagt,
von Mutters verzweifeltem Mut.
Das Kino wurde geschlossen,
das Haus wurde langsam leer.
Ein seltsames Sterben setzte an,
als gäbe das Haus sie nicht her.
Es blieben übrig die Funkes,
das war ein besonderer Clan,
auch Geßners zogen schließlich weg,
sie klopften manchmal noch an.
Das Haus in der Kesselgasse,
wir konnten ihm wohl nicht entfliehn.
Erst als der Keller schon einbrach,
ließ man die Kaisers ziehn.
Das Leben ist...
Das Leben, eine Wunderkiste,
mal Liebeswahn, mal Mordgelüste.
Wir trampeln meist im falschen Tritt,
immer mit der Knete mit.
Das Leben ist 'ne schiefe Sache,
so bitter fast, dass ich nun lache.
Ein jeder kommt sich wichtig vor
und ist und bleibt ein Tor.
Das Leben ist laut Krankenkasse
nur rohes Fleisch und Erbgutmasse.
Und geht es uns trotz Gott nicht gut,
ziehn wir devot den Hut.
Das Leben ist, um's so zu sagen,
ein Tritt ins Kreuz und auf den Magen,
ein ganz verfluchter Dauerstress.
Drum so viel Sport im Dress.
Das Leben ist - wenn man es lebte,
wenn nicht die Drohung ständig schwebte -
ein wunderbares Dino-Ei,
ein Jux mit Dallerei.
Das Leben ist, sagt mir Herr Stempel
im Stadtamt laut in seinem Tempel,
ein Stück Papier von einem Amt:
"Begreif doch! Gottverdammt!"
Das Wunder
heißt das Wunder,
Mann an Land
und geht doch under.
Mit einem Underberg
endet das Werk.
Dein Geburtstag
Siehst du wie die Wolken fliegen,die sich in den Armen liegen,
wie Gesichter oben lachen
und für uns Grimassen machen?
Siehst du wie die Wolken fliehen,
die am Himmel fröhlich ziehen?
Berge, Schlösser, Reiche schwinden.
Wird man sie je wiederfinden?
Siehst du wie die Wolken wandern
von der einen Welt zur andern?
So ist unser ganzes Leben -
flüchtig wie die Wolken eben.
Siehst du wie ich Wolken zähle,
das Geburtstagsschaf dir wähle?
Möchte herzlichst gratulieren,
in die Wolken dich entführen.
Delfine
es lacht der Delfin,
es lachen die Profiteure
im Delfinarium zum schnellen Tod.
Die Urlauber meiden Liköre.
Die Sonne lacht auch,
direkt auf den Bauch.
Es lachen die Öle und Cremen.
Das Wasser lacht mit im Becken so blau.
Es gibt keinen Grund sich zu schämen.
Es lacht der Delfin
bis hinein in den Tod,
bereit nicht das Schauspiel zu stören.
Sie sterben nach innen und geben sich auf,
weil sie in die Meere gehören.
Denker
Sie denken hin und denken her,denn Selberdenken ist so schwer.
Sie müssen gar das Haupt aufstützen
für den Empfang von Geistesblitzen.
Die Denker wandeln ziemlich oft
und finden wenig unverhofft.
Sie müsssen Bücherberge lesen
für die Erstellung ihrer Thesen.
So mancher Denker war ein Tor
und kam sich unersetzlich vor.
Und doch, wenn ich auf sie verzichte,
was bliebe von der Weltgeschichte?
Es wird den Denkern nichts geschenkt.
Die Denker denken wie man denkt.
Die besten Denker aber wissen,
dass sie an allem zweifeln müssen.
Denkst auch du an blaue Nächte?
Denkst auch du an blaue Nächte
in der fernen Sommerzeit,
wenn im Winterschneegefechte
du durch Schnee stapfst und es schneit?
Denkst auch du im Frost an Küsse
in der Nächte Einsamkeit,
an die Feuer der Genüsse,
wenn die Seele friert und schreit?
Ich, im Winter, auf der Reise,
sehne mich nach blauer Nacht.
Und ich wünsch auch dir ganz leise,
dass die Liebe dich entfacht.
Der beste Weihnachtsmann
Wer am meisten schenken kann,
ist der beste Weihnachtsmann.
Wer nichts schenken kann hingegen,
der bringt keinen Weihnachtssegen.
Darum merkt euch liebe Leut'
nur wer Geld hat, kann auch geben.
Deshalb müsst ihr jederzeit
immerfort nach Reichtum streben.
Könnt ihr ein Almosen geben,
kann der Gutmensch in euch leben.
Wer nichts schenken kann hingegen,
der kommt immer ungelegen.
Der Fremde
Es war in der Kneipe "Zum Wilden Mann",und er lag auf dem Tisch wie begraben.
Kellner flössten ihm ein,
und er sagte nicht nein,
als sie ihm den Rest noch gaben.
Es war tief im Winter nach Mitternacht.
Als er rausflog - da war's ihm gelegen.
Er bekam einen Tritt,
ein paar Schläge noch mit
und sagte noch: „Meinetwegen!“
Er spürte die Kälte, sie gab ihm den Rest.
Und dann war er auf einmal betrunken.
Er sagte kein Wort
und schleppte sich fort,
im Selbstmitleid ganz versunken.
Der Schluss
Es kommt der Schluss, das weiß man früh.
Man fühlte es schon irgendwie.
Von vielen Lippen tropft' s wie Hohn.
Wer Possen reisst, kriegt seinen Lohn.
Es kommt der Schluss, der Narr bleibt fort.
Er hängt am Galgen, laut Rapport.
Das Spiel ist aus, Ruinen stehn,
wo Harfen spielten einst und Feen.
Es kommt der Schluss, man weiß nicht wie.
Es dröhnt wie Schicksalssinfonie.
Doch keiner spendet mehr Applaus,
die Spinnen huschen durch das Haus.
Es kommt der Schluss, dann ist's vorbei.
Die Seele fror, sie ging entzwei.
Man wird zum Aufschrei zu bequem:
Ein schneller Tod wär' angenehm.
Der Tote
Ach, ihr Guten, was ich hab'?Nervt mich nicht mit dem Gerede!
Denn ich lieg mit euch in Fehde.
Besser wär's ich läg' im Grab.
Dieser Jammer in der Welt,
dieses Raffen und Geschmiere,
dass ich noch im Albtraum spüre,
das ist's, was auch mich befällt.
Manchmal fang ich an und tanz',
bis die hellen Blitze schießen,
die in meinem Kopfe sprießen:
Totentanz im Lichterglanz.
Ach, ihr Guten, was ich hab?
Nervt mich nicht mit dem Gerede.
Denn ich lieg mit euch in Fehde.
Besser wär's ich läg' im Grab.
Der Unbegreifliche
(Für Kurt Demmler)
Inzwischen war das Lachen ihm vergangen,
vorbei die Zeit, als er der Beste war.
Da hat er sich dann aufgehangen.
Mit seinem Gürtel in der Zelle und war frei.
Jetzt grübeln die mit dem Prozessverlangen,
- und andre auch - ob das denn richtig sei.
Er hat uns keine Nachrichten hinterlassen.
Wir wissen nicht, was hat er sich gedacht?
Hat er getan, was wir nicht fassen?
Kurt Demmler tot, man fühlt sich fast beraubt.
Kurt Demmler tot, was konnte ihn vernichten?
Und wahr ist doch: wir haben ihm geglaubt.
Der Weihnachtsbaum muss weg!
Es ertönen die Sirenen,
Böllerknallen, großer Schreck,
mich befällt ein tiefes Sehnen:
Stimmt! Der Weihnachtsbaum muss weg.
Fort Lametta, Kugeln, Spitzen,
fort das gleißend helle Licht,
weg die Nadeln aus den Ritzen!
Pyramiden brauch' ich nicht.
Nie mehr Ruhe, Schluß mit Fressen!
Nüchternheit - das wahre Fest!
Flaschen weg und schnell vergessen,
denn mir gab das Fest den Rest.
Nie mehr will ich mehr skandieren,
komm du zartes Jesulein.
Lieber will ich mich doch zieren
als beim Schlachtfest fröhlich sein.
Niemals wieder will ich beten
zu der Jungfrau mit dem Kind.
Erst beim Platzen der Raketen,
merkte ich, es dreht der Wind.
Niemals wieder will ich schwärmen.
Das hat alles keinen Zweck.
Aufruhr fühl ich, Engel lärmen:
Los! Der Weihnachtsbaum muss weg!
Diabolisch
Es erfüllt mich doch mit Staunen,
daß Du plötzlich sitzt auf mir
wie des Teufels höchstes Tier
auf dem Marktplatz voll Alraunen,
sehr frivol und nackt im Hellen,
weil dich Sünde überschwemmt,
die an meinem Schwanze klemmt
im Geläut von Narrenschellen.
Es erweckt mich wie mit Zangen,
dass du so agierst auf mir.
Ich bin ganz verrückt nach dir,
auf dem Marktplatz voll Verlangen,
angestarrt aus Augenhöhlen
ganz in Scham vor Schreck verstummt.
Nur die Teufelsgeige brummt
im Verein mit tausend Kehlen.
Dichter gesucht
Es sprach Herr Schein zum Dr. Heil:
"Wo ist denn nur das Hackebeil?
Ich will den Knoten jetzt zerhauen
und darauf einen Tempel bauen.
Doch erst muss ich den Dichter finden
für alle Tauben, alle Blinden.
Der wird für mich Apostel sein
und Lobliedhudler vor dem Schrein.
Ich kröne ihn mit Lorbeerkranz
und bind' ihn fest an seinem Schwanz.
Dann darf er mir ein Ständchen bringen
und nur für mich Elogen singen.
Am Abend sperre ich ihn ein,
denn einmal muss auch Ruhe sein.
Am nächsten Tage geht es weiter,
wie immer lustig, froh und heiter."
Die Front
-für das Foto "The Front" von Wilda
Die Front, sie sieht zerrissen aus,
zerrissen wie ein altes Haus.
Ein Totenschädel hält noch Wacht
in dieser kalten bösen Nacht.
Zerbröckelt ist die Front schön längst,
wenn Du auch noch dein Herz dran hängst.
Die meisten Kameraden fielen,
wenn sie nun nicht auf dich gar zielen.
Es grinsen nur noch hohle Schädel.
"X-front, verrecke", schrei'n sie, "Mädel,
wir wollen uns bloß amüsieren,
kannst, Rotkopf du, das nicht kapieren?"
Die Ohrmeisen
In Großohr lebten zwei Ohrmeisen,Die wollten in das Großhirn reisen.
Im Mittelohr am juckenden Weh,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
auf die letzte Ohrgangreise.
Ringelnatz: Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
Die tote Braut
Ich blieb bei der Toten stehen,bei der Toten im tiefen Eis.
Ich konnte nicht von ihr gehen.
Ihre Kleider, die waren so weiss.
Sie hat mich so angesehen,
voller Schwermut im kalten Eis.
Ich konnte nicht widerstehen.
Ihre Lippen, die waren so weiss.
So bin ich mit ihr erfroren,
mit der Toten im See im Eis.
Sie hat mich zum Mann erkoren.
Meine Braut ist' s, so still und so weiss.
Dreht sich der Dichter
einmal um
Dreht sich der Dichter einmal um,dann spottet gleich das Publikum.
Und fällt ihm gar die Hose runter,
dann wird die Lachgesellschaft munter.
Drum merke dir, du Dichterlein,
lass nie dein Publikum allein.
Damit es dich nicht noch zerreist
und irgendwann auf dich noch...
Du, meine Zuckerpuppe
Du bist das Salz in meiner Suppe,die Kaiserin in der Schaluppe.
Du bist die Saite meiner Leier,
das Alphatier für jede Feier.
Du bist 'ne tolle Quasselstrippe,
der Feuerbrand an meiner Lippe,
du bist das einzig höh're Wesen
und Reichsverwalter meiner Spesen.
Du bist die Köchin aus Germanien,
die Zuckerpuppe aus Kastanien.
Du bist mir wahre Sachertorte,
das Schlüsselweib an meiner Pforte.
Du bist Mylady, voller Power,
das Klageweib an meiner Mauer,
du bist das Gelbe gar vom Ei
und gackerst noch in Moll dabei.
Du bist, wie soll ich es dir sagen,
der weiche Kern in harten Tagen.
Du bist's, die schillert wie Frau Goethe,
du bläst für mich die Zauberflöte.
Du bist gar Denkmal in der Landschaft,
viel mehr als Trottoir-Bekanntschaft.
Du bist die Werferin der Torte,
die Weihrauchgöttin meiner Worte.
Du bist, wie soll ich es beschreiben,
Pik As, um Optimist zu bleiben.
Du bist das Beste, was ich habe,
die Platte noch auf meinem Grabe.
Und wenn sie dich auch gar nicht fassen,
so wirkst Du trotzdem sehr gelassen.
Du kennst mich ja zu allen Zeiten,
mit meinem Charm und Grässlichkeiten.
Du bist in meinem Kreis ganz drinnen,
und stehst da fest auf meinen Zinnen.
Du würdest dich nie fortbewegen,
und bist darum für mich ein Segen.
Dunkle Gassen
Wer kennst sie nicht, die dunklen Gassen,
die sich durch unsre Köpfe zieh'n,
die wir mit voller Inbrunst hassen,
wenn wir vor Spiegelbildern fliehn.
Wer kennt sie nicht die dunklen Welten,
in denen wir vor Angst schon schrien,
das Ödland unter Sternenzelten,
in die wir unsern Hass schon spien.
Wer kennt sie nicht, die dunklen Orte,
die sich in unsre Träumen knien,
im Marschgeschrei in der Eskorte,
wenn schwarze Wolken oben ziehn.