Hans-Georg Kaiser

Fliegender Mensch



Ein Mann mit dem Namen Grau, der – ohne Aufmerksamkeit zu erwecken - viele Jahre in einem Wolkenkratzer gewohnt hatte, verließ eines Tages seine Wohnun nahe dem Keller und fuhr mit dem Lift nach oben.

Auf seinem Rücken waren zwei Flügel zu sehen, die ihn ein wenig störten, als er in den Lift ging.

Der Wolkenkratzer hatte 45 Etagen.

Oben klemmte er sich beinahe die Flügel im Lift ein. Dann ging er durch eine Eisentür auf das Dach, atmete rasch und stark ein und flog dann mit seinen Flügeln los, wie ein Vogel oder Engel.

Die Bewohner des Wolkenkratzers schauten alle aus den Fenstern und einige liefen auf das Dach.

Sie schrien, erregten sich, zeigten mit Fingern. Einige Damen erbleichten und andere Personen sahen neugierig durch Ferngläser.

Jemand rief: „He, Verrückter, komm zurück, weisst du nicht, dass das verboten ist, einfach loszufliegen ohne uns vorher zu fragen!“

Aber der Kerl lachte nur und grüßte mit dem Strohhut in der Hand. Er schrie grinsend nach unten:Tschüss nun, schnöde Käferwelt!“

Die Sonne glühte. Der Vogelmensch flog höher und höher und höher aber er war nicht Ikarus,und darum stürzte er auch nicht ab.

Dann war er nur noch ein Punkt am fernen Horizont, und am Ende verschwand er ganz.

Die Menschen schüttelten verwundert die Köpfe.

Aber schon nach drei Jahren wollte keiner mehr zugeben, dass das wirklich so geschah. Sogar die nicht, die es mit eigenen Augen gesehen hatten. Sie verständigten sich darauf, dass das nur ein technischer Trick gewesen sei, dass er nicht wirklich wie ein Vogel flog.

Ein Professor malte ein Bild von dem Flug. Aber auf diesem sah er schon fast so aus, wie ein fliegender Gott in den Büchern Dänikens, gar nicht mehr wie Nachbar Grau, der einige Jahre mit ihnen im gleichen Wolkenkratzer gewohnt hatte.

Doch er war scheinbar mutiger al sie, er wollte nicht nur die Wolken kratzen. Sein Appetit nach neuen Horizonten war viel viel größer.