
Hans-Georg Kaiser
Im Garten der Liebe
(für William Blake)
Wie du, Blake, war ich im Garten der
Liebe.
Wie du fand ich die Kapelle,
wo ich einst gespielt hatte,
so
wie du.
Wie bei dir einst, war die Kapelle verschlosssen.
Wie du,
stand auch ich draussen vor der Tür,
auf der zu lesen war: Du hast kein Recht
zu lieben!
Du nicht!
Wie du wandte ich mich von der Tür ab
und
suchte das Grüne.
Doch dort gab es kein Grün mehr,
da war keine Hoffnung
mehr.
Wie du sah ich nur Gräber,
wo bunte Blumen blühen
sollten!
Wie du sah ich nur verlogene
im Kreis trottende Gestalten,
die jede Freude und alle Wünsche
ermorden!
Aber, lieber Blake,
anders als du
ließ ich mich nicht entmutigen.
Ich ging ich noch ein Stück
weiter.
Ich hatte mehr Glück,
ich fand in der Mauer
des
Friedhofes eine Tür,
die nicht verriegelt war!
Ich ging hindurch und
dort
winkte mir eine zierliche hübsche Frau zu,
mit einem Strohhut in
einem
kornblumenblauen Kleid!
Sie lächelte mich an, lachte dann
laut,
als sie mein verblüfftes Gesicht sah
und sagte: „Wundere dich
nicht.
Du darfst mich lieben, du ja!
Ich habe schon auf dich gewartet.
Ich bin diejenige, die Du bisher
vergeblich gesucht hast,
sieh mich
an, ich bin es,
deine Braut!“
William Blake
GARDEN OF LOVE
I went to the Garden of Love,
And
saw what I never had seen:
A Chapel was built in the midst,
Where I used
to play on the green.
And the gates of this Chapel were shut,
And
"Thou shalt not" writ over the door;
So I turned to the Garden of
Love,
That so many sweet flowers bore;
And I saw it was filled with
graves,
And tombstones where flowers should be;
And Priests in black gowns
were walking their rounds,
And binding with briers my joys and
desires.
(1794)