Hans-Georg Kaiser

 Memento Mori

 (Gedenke des Todes)


Tote Männer und tote Frauen
in einer tödlichen Maschine,
die da heißt: die moderne Zeit.

Die Kultur des Todes,
die der Feind von allem ist,
was lebt.

Rohe alltägliche Morde
maskiert als Produkte
der Ernährunsgindustrie,
als Wissenschaft und Staatskunst,
um den Tod am Leben zu erhalten
und zu verbergen, dass man selbst
schon zu tot für irgendein humanes Gefühl ist.

Die toten Hände
am toten Körper
einer toten Gesellschaft,
die sich mehr und mehr
damit beschäftigt
zu töten und zu morden.

Der Tod durch den Henker.
Der Tod durch den Giftmischer.
Der Tod aus der Giftgasfabrik.
Der Tod aus der Pistole,
die auf den Nacken
einer wehrlosen Frau gerichtet ist.

Der Tod als Gesetzeshelfer.

Death Metal als zeitgemäße Musik
in den Totenhallen der Welt, um die Aufmerksamkeit vom tatsächlichen Abschlachten  abzuwenden, zu dem profit-gierige Führer aufstacheln.

Führer, die nach dem grausamen Plan
von Auschwitz handeln,
demgemäß man versucht
möglichst viele Menschen
in möglichst kurzer Zeit zu ermorden.

Andenkenläden, in denen man
römische Totenmasken verkauft.

Der Tod als alltägliche TV-Nachricht.

Die Schädelstätten des Pol Pot
und die Millionen von Hungertoten in Afrika.

Die einsamen Auch-Menschen,
die man nach Wochen in chaotischen
und dreckigen Wohnungen findet.

Die Frosttoten und die toten Huren.

Die ertrunkenen Passlosen,
die Schiffsmannschaften ins Meer warfen,
weil die Chefs das so befehlen.

Tote Pharaonen und ihre Pyramidensklaven,
die bis zum Tode für den göttlichen Pharao
arbeiten mussten.

Die Inka-Mumien im Dauerfrost von Peru
und Oetzi, der Gletschermensch,
der auch nicht überlebte.

Tote Soldaten und tote Zivilisten
im ehemaligen Jugoslawien.

Tote Reden in toten Parlamenten,
wo tote Soldaten von toten Parteien
als heilige Tote gerühmt werden.

Zu Tode dressierte Delfine
und tote Igel auf den Autobahnen.

Mitleidlos gequältes und gemordetes Schlachtvieh,
das den Transporteuren im Weg stand.

Die Toten von Tschnernobyl.

Leichen in deutschen Kellern.

Und die Millionen von Menschen,
die man in den Konzentrationslagern
von Hitler und Stalin ermordete,
um so die großen Führer zu ehren.

Tote Boxer und tote Indianer.

Tote Ratten und tote Revolutionäre.

Der Tod in der Toilette des Bahnhofs.

Der Tod als Schmuggelgut im Lastwagen.

Der Tod durch den Stich einer Wespe in den Hals.

Und auch die romantische Sehnsucht nach dem Tode hin.

Der Totentanz auf den Festen der VIP's.
Der Totentanz in der Marienkirche zu Lübeck.
Der Totentanz in unzähligen Wohnungen,
die aussehen wie Schuhkartons.

Der Totentanz unter freiem Himmel,
wo die lebendigen Toten sterben müssen,
weil die tote Gesellschaft nicht mehr fähig ist,
Mitleid für sie aufzubringen.

Der Tod als Lohn für die Sünde
In (Römer 6, 23) und das versprochene Leben
nach dem Tode.

Tote Reden in der heiligen Familie
und vor den Trauerfeiern ordnungsgemäß
der Totenschein, damit die toten Seelen
die revolutionären Toten
nicht fürchten müssen,

damit andere weiterhin mit dem Tod
Geschäfte machen könnnen,
mit Waffen und Drogen und
anderen tödlichen Mitteln.

Töten mit Killerinstinkt und tote Helden.
Und den Tod für alle, denen das nicht gefällt.

Der ordnungsgemäß registrierte Gehirntod und
die klassifizierten Toten in den Friedhöfen,
die exakt nach der sozialen Zugehörigkeit
voneinander getrennt sind.

Man spielt das Lied vom Tod,
Doch nur wenige gedenken des Todes,
bis das der Tod uns scheidet
und die Leichenfledderer kommen,
um uns zu zerschneiden
und zu durchwühlen.

Gedenke des Todes,
Aber denke auch daran,
dass der Tod im Sinne Epikurs
uns persönlich nichts angeht,
weil er nicht ist, wenn wir leben.
Und wenn er ist, dann
leben wir ja nicht mehr.

Febr. 1996