Hans-Georg Kaiser
Engel am Morgen

Vor einigen Minuten sah ich einen Engel.
Er war sehr laut, lärmte, knallte Türen,
flog hastig wie eine Düsenrakete durch die Zimmer.Ich wusste nicht, ob ich träume oder schon wache.
Der Engel schwebte plötzlich auf mich zu
und versuchte mich mit einem Kuss zu wecken.
Seine Fügel sahen wie Adlerflügel aus.
Sich nähernd, sprach der Engel eindringlich zu mir: "Vergiss nicht die Einkäufe zu machen!")
"Welche Einkäufe?!"
Seit wann schicken Engel jemanden los,
um Einkäufe zu machen? Das ist mir neu,
dachte ich verblüfft.
Bevor ich etwas sagen konnte, rief der Engel:
"Keinen Protest! Bitte! Lies den Notizzettel,
ich habe alles aufgeschrieben. Er liegt in der Küche neben der Kaffeetasse."
"Aha", sagte ich, "aber woher weißt..."
Aber in diesem Moment legte der Engel schon
wieder die Flügel um mich und küsste mich schnell.
"Uff" sagte ich ein wenig verängstigt,
weil der Engel sich mit soviel Schwung auf mich
geworfen hatte.
Aber der Engel lachte nur, hob die Flügel und
flog wie der Blitz aus dem Schlafzimmer davon.
Schon aus der Ferne rief er nochmals:
"Vergiss die Einkäufe nicht! Ich habe keine Zeit,
mein Lieber, ich muss galoppieren, es ist schon spät, Ciaaaaaaaooooooooooo!"
Ein gallopierender Engel als Pferd? Ganz unmöglich! Ganz unmöglich!
Ich rieb mir verwundert die Augen,
wand mich langsam aus dem Bett
und schaute in die Küche - da lag wirklich
und wahrhaftig ein großer gelber beschriebener
Notizzettel: Mein Lieber! Damit du es nicht vergisst!" Bestimmt denkt der Engel, dass ich Alzheimer habe.
"Kaufe bitte: First-class-Kaffee, zwei Zitronen, Salz mit Jod, Paprika..."
Es folgte eine lange Liste von Sachen,
die außerdem gekauft werden mussten.
Die Liste endete so: 'Und unbedingt zwei Flaschen trockenen Rotwein, egal welchen!'
Nun fing ich an zu begreifen, wer der Engel war,
weil ich jemanden sehr gut kenne, der meine Rotweine alle wegtrinkt, ehe ich sie auch nur zu Gesicht bekommen habe. Egal, welche!