HANS-GEORG KAISER

REIMGEDICHTE

I


  • Ich bin ein Nihilist
  • Ich habe sie gefunden
  • Ich will nicht zu vernünftig sein
  • Ich will nur dies auf Erden
  • Illusionen
  • Im Irish Pub
  • Im Schmuddeleck im Separee
  • Im Traum nur?
  • In Weimar
  • Irrgartenblues
  • Irrlichterei
  • Ist's Liebe?

Ich bin ein Nihilist

(gewidmet den revolutionären russsischen Nihilisten)

Ich bin ein Nihilist,
damit ihr's endlich wisst.
Ich pfeiff' auf eure Sorte.
Ihr schändet meine Worte.

Was soll man da noch sagen,
wenn sie den Frevel wagen?
Ich will die Wahrheit wissen.
Das fordert mein Gewissen!

Der Adel kann nichts taugen,
muss Bauernblut aussaugen
und jeden Rat negieren,
weil sie bei Hof dinieren.

Ihr nennt mich Nihilist,
obwohl ihr's besser wisst,
ihr müsst zum Wurm mich machen,
gezwungen ist das Lachen.

Ich brauche keinen Zaren
und pfeiff' auf die Bojaren.
Ich will es anders haben.
Das dürft ihr weitersagen.

Ich habe sie gefunden

Ich habe sie gefunden.
Sie ist so zart und leicht.
Ich sag's ihr unumwunden,
dass sie den Engeln gleicht.

Warum soll ich' s bereuen?
Die Hochzeit war im Mai.
Ein Grund sich zu erfreuen.
Ich fühl' mich gut dabei.

Ich habe sie gefunden.
Sie ist so gut, gescheit.
Ich sag es unumwunden:
Ich lieb' sie allezeit.

Da gibt's nichts zu bedauern
im glöckchenreichen Mai.
Ich kann nur dies betrauern:
Der Mai ging schnell vorbei.

Ich will nicht zu vernünftig sein

Ich will nicht zu vernünftig sein,
ein Kluger oben auf den Zinnen.
Ich lass mich gern auf Unsinn ein,
und bin mit Lust so ganz von Sinnen.
Ich liebe Spaß und Narretei
und kann auch über Blödsinn lachen.
Wie Eulenspiegel will ich' s machen,
als Schwejksoldat, und darum frei.

Ich schätze sehr das Lustgefühl.
Ich könnte nichts an Zahlen finden.
Mich treibt ein anderes Kalkül,
der Krämergeist soll mich nicht binden.
Es muss nicht alles logisch sein.
Sonst müsste ich am Geist ersticken.
Verstand, Vernunft, das sind nur Krücken,
wenn Liebe fehlt und Zärtlichsein.


Ich will nur dies auf Erden

Ich will nur dies auf Erden,
dass jeder sich geniert,
wenn and're hungernd sterben,
so arm, dass einem friert.

Kein Land mit seinen Schätzen
soll man den Reichen weih'n.
Zum Krieg soll man nicht hetzen,
kein Mensch soll heilig sein.

Die Freiheit soll man ehren,
Privatheit im Verkehr.
Wenn Grenzen fliessend wären,
dann kämen Freunde her.

Kein Mensch soll weiter dienen,
kein Mensch mehr Herrscher sein.
Dann würden sanft die Mienen,
zum Rollen käm' der Stein.

Die Umwelt soll nicht sterben
für Maximalprofit.
Verboten sei das Erben,
das Geld dazu gleich mit.

Kein Mensch soll Menschen hassen,
doch lieben jederzeit.
Das würde mir so passen;
mein Ziel ist sanft und weit.

Illusionen

Wir gingen beide Hand in Hand
und hatten Illusionen
So rammten wir vor uns die Wand
und hatten doch Visionen.
Kein Bett, kein Stern
nah oder fern,
kein Brett, um uns zu schonen.

Wir glaubten beide nicht an Geld
und dachten, dass wir taugen.
Ich fühlte mich als großer Held.
Du machtest schöne Augen.
Kein Hort, kein Ort,
nur weg und fort,
um Freiheit uns zu rauben.

Wir irrten beide hin und her
und haben uns gewunden.
Das Abschiednehmen viel uns schwer,
es dauerte dann Stunden.
Der gute Geist
war schon verreist
und nirgends mehr gefunden.

Wir gingen beide wie gehetzt
und tauschten oft die Rollen.
Ich war noch mehr als du entsetzt
und redete geschwollen.
Nur falsche Zeit
noch weit und breit,
die Zukunft lag verschollen.

Im Irish Pub Morrison's

Der Irish Pub ist eine Lüge,
in Altenburg, und wieder nicht.
Er ist so irisch wie der Frust hier,
der sich im trüben Lichte bricht.

Der Irish Pub ist wie der Hafen,
wo jede Menge Strandgut schwimmt.
Ich bin der Taucher in dem Strandgut
und weiß, wie man sich hier benimmt.

Ich trinke Bier am langen Tresen,
wo oben Whiskyflaschen stehn.
Die Kellnerinnen sind gespenstisch,
so flink und nett und angenehm.

Der Irish Pub ist keine Heimat,
doch immerhin dafür Ersatz.
Man sucht kein Glück hier und nicht Liebe.
Man sitzt borniert auf seinem Platz.

Der Irish Folk ist hier die Droge,
für Irre die's hier reichlich gibt.
Es tummelt sich das ganze Volk hier.
Die Tümelei ist sehr beliebt.

Im Irish Pub ist täglich Fasching.
Man schwatzt und seufzt und trinkt und schlingt.
Gesichter lümmeln hinter Masken,
bis man die Rechnung endlich bringt.

Der Irish Pub ist die Kulisse,
für das, was doch kein Geld einbringt,
zu wenig Whiskys, zu viel Cola,
bis der Gewinn auf Null absinkt.

Ein Irish Pub im Osten eben.
Ein ganz verfluchter trister Ort,
wo Zartes in die Gosse träufelt
und manches gut gemeinte Wort.

Ein Irish Pub auf deutschen Beinen,
ein Ballhaus  und ein geiler Kuss.
Ich trinke aus, weil sie hier meinen,
dass ich jetzt endlich gehen muss.


Im Schmuddeleck im Separee

Im Schmuddeleck im Separee,
da tut die Liebe nicht mehr weh,
da will der Mann nur eines haben,
den Schwanz sich an den Weibern schaben.

Im Separee im Schmuddeldreck,
da sperrt man Frauen einfach weg.
Für nur ein Zehntel vom Betrag,
und das den lieben langen Tag.

Im Schmuddeleck gleich beim Entree,
da trinkt kein Freier einen Tee,
da muss man Sekt und Longdrinks saufen
und sich die Liebe teuer kaufen.

Im Separee im Schmuddeleck,
da zeigt sich oft ein blauer Fleck,
und Frauen, die dort manchmal weinen, 
sitzen herum mit langen Beinen.

Im Schmuddeleck, in  Blut und Dreck,
da schwimmen alle Träume weg.
Denn was sie dort mit Frauen machen,
das ist nun wirklich nicht zum Lachen.


Im Traum nur?

Im Traum nur
hab' ich neben ihr gelegen,
in blauer Nacht
am blauen See?

Im Traum nur
pflückte ich die blaue Blume
und reichte sie
ihr dann im Schnee?

Im Traum nur
fühlte ich sie tanzend schweben,
so körperlos
und rein bei mir?

Im Traum nur
hörte ich sie lächelnd reden,
von fern zu sein
und selten hier.

Im Traum nur
fasste sie mich an den Händen,
entzückt beglückt,
im Elfensein.

Im Traum nur
sah ich ihre Lippen,
eh ich versank
im See allein?

In Weimar

Ach, wie haben wir gelacht,
damals auf der Weimarreise,
blieben in der Buchbar kleben.

Heimwärts ging es in der Nacht.
Eng umschlungen und doch leise,
Rotweintrinker wollen schweben.

Ja, wir waren unbedacht,
auf verzückte leichte Weise
frönten wir dem Bildungstreben.

Irrgartenblues

Im Irrgarten, im Rosenmeer,
da wollte er sie finden.
Er irrte hin und irrte her
und musste sich viel winden.

Er suchte sie und rief und schrie.
Da -  plötzlich Kichern, Stöhnen!
Dort, hinter Büschen, hört er sie.
Was macht man mit der Schönen?

Im Irrgarten, im Rosenhain,
da sah er beide liegen.
Sie war fast nackt und nicht allein
und selig vor Vergnügen.

Im Laubengang im wildem Wein,
da starb ihm sein Verlangen.
Er liess den Blues in sich hinein
und hat sich aufge...

Irrlichterei

"Ein Irrlicht, das die Runde macht?
Was redest du, da ist kein Licht.
Ich seh nur finst're kalte Nacht.
Ein Licht, das glüht? Das gibt es nicht.
Mir reicht die Plage und die Pflicht."

"Mach deine Taschenlampe an
und schau mir doch mal ins Gesicht!
Du sturer junger alter Mann.
Siehst du Sabine wirklich nicht?
Das Leuchten, dass an dir zerbricht?

Du siehst nur noch die kalte Nacht
und meinst du wärst ein kleines Licht.
Viel Liebe will ich, nicht Verzicht.
Mag Sterneleuchten im Gesicht!
Ich lieb dich! Kapierst du's nicht?

Ist's Liebe?

Verführst du mich
oder ich dich?
Ich weiss es nicht,
ich weiss es nicht.

Und lieb' ich dich
oder du mich?
Ich weiss es nicht,
Ich weiss es nicht.

Ist's Liebeskunst?
Nur blauer Dunst?

Ich weiss es nicht,

ich weiss es nicht.