Hans-Georg Kaiser

Weisser Indianer



In meinem Herzen bin ich ein weißer Indianer.

Alle Unterdrückten sind nämlich Indianer. Sie haben sich ihren Namen nicht selbst ausgesucht.

Alle jene, die als Sklaven für andere arbeiten müssen, sind Indianer.

Alle Frauen ohne Privatbesitz sind Indianerinnen.

Die Kinder in den Fabriken und Goldgruben sind Indianer.

Die Eingesperrten in den psychiatrischen Kliniken.

Die Straßenverkäufer von Zeitungen. Die Stiefelputzer.

Die Arbeitslosen und andere Ausgestoßene.

Die Ausgewanderten, die Ausländer und die Fremden.
 
Alle Menschen des zweiten, dritten, vierten und fünften Ranges.

Die Unberührbaren, die Menschen des untersten Ranges in Indien.

Viele Gefangene in und außerhalb der Vereingten Staaten.

Alle Einsamen und Unglücklichen.

Alle jene, für die die Worte Tatonka Yotanka oder Sitzender Büffelstier noch Zauberworte sind.

Alle Friedenspfeifenraucher.

Alle Menschen, die wie Zapata lieber stehend sterben wollen, als knieend am Leben zu bleiben.

Alle die leiden, weil andere noch leiden.

Alle Tagträumer über die Glücklichen Inseln, über das Schlaraffenland, über das Paradies auf Erden, über eine Welt ohne Demokratie (weil keine Regierung mehr Menschen beherrscht).

Jeder Denker, der darüber nachdenkt, wie wir menschenwürdiger leben könnten.

Alles Nachdenken über eine anationale weltweite Kommune ohne Chefs und Staaten ist das Nachdenken von Indianern.

Alle Indianer, die nicht vergessen haben, dass sie Indianer sind, sind Indianer.

In meinem Herzen bin auch ich ein Indianer. Ich bin stolz darauf ein weißer Indianer zu sein.