Hans-Georg Kaiser
Wieder in meinem Dorf

Ich suche das Haus der Großmutter
und finde es nicht mehr.
Ich suche unseren Garten mit den
Sommerblumen und den Erdbeeren
und den Kartoffeln und dem Kohlrabi,
doch finde ihn nicht.
Ich suche meine Sommerlaube
am alten Nußbaum und finde sie nicht.
Ich suche die Zärtlichkeit meiner Großmutteer
und finde sie nirgendwo.
Ich gehe zum Feurwehrteich
und suche die Frösche
und die Wasserlinsen im Teich,
doch ich finde sie nicht.
Ich suche die fröhliche Cornelia,
die mir im Heuschober den ersten Kuss gab,
und die ich ich so sehr geliebt habe.
Doch ich kann sie nicht mehr küssen.
Ich suche meinen lachenden Onkel
in Armeeuniform auf der Dorfstraße,
aber ich kann ihn nicht begrüßen.
Ich suche meine Tante Helga,
die Sportlerin, die in langem Kleid
und langen Strümpfen
auf einem Fahrrad wie ein Pfeil
die Straße tollkühn entlangsaust.
Aber ich sehe sie nicht.
Ich suche die großen Aluminium-Milchkannen
unter der großen Eiche vor dem Gasthaus
und finde sie nicht.
Ich suche im Gastzimmer des Gasthauses
die Waschschüssel und den Wasserkrug
und den alten Bauernschrank,
aber ich finde nichts davon.
Ich suche die bigotte Lucy mit dem Kruzifix,
die mich in die Hölle wünschte,
weil sie überzeugt war,
dass nur ich als Dieb ihres Kruzifixes
in Frage käme.
Sie lebt nicht mehr.
Ich suche im Gasthof nach dem Zimmer,
in dem wir alle, die Bauern des Dorfes,
und ich der kleine blonde Knirps
das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft
ind England angesehen hatten.
Doch ich finde es wegen
eines Umbaues nicht mehr.
Ich gehe in das kleine Wäldchen
mir dem kleinen Seee und dem Fuchsbau
und den Birken und suche dort Maikäfer.
Aber ich finde keine Maikäfer mehr.
Ich gehe zurück ins Dorf und suche mich überall,
doch ich bin für immer verschwunden von hier.
Ich war nur das Kind der Umquartierten
aus Ostpreußen, die bald in die Stadt zogen.
Ich suche mich überall.
Ich suche mich lange und vergeblich.
Doch ich finde mich nirgendwo.