Hans-Georg Kaiser

Sirenen im Internet

(für naive Internetplauderer)




Ihr, die ihr hineingehen wollt
in das Plauder-Labyrinth
bizarrer Internetwelten,
seid vorsichtig.
Hütet euch vor den Sirenen,
die euch mit mysteriösen Stimmen
rufen.

Wie geschickte Spinnen
spinnen sie fleißig
ihre feinen Netze
und erwarten dich,
um dich in ihre
Fantasiewelt
zu locken.
Sie küssen dich mit schönen Sätzen
und umarmen dich metaphorisch,
bis du jeden Widerstand aufgibst
und ihnen folgst.

Wenn du einmal ins Netz hineingegangen,
dich in ihm verfangen hast,
bemerkst du das am Anfang gar nicht.
Sie plaudern mit dir.
Sie sind freundlich zu dir.
Sie flüstern dir zu.
Sie berühren dich zärtlich.
Sie grüßen dich mit schönen Gesten.
Sie spielen auf verschiedene Geheimnisse an.
In einem perfekt gesponnen Netz
führen sie dich wie in einem verrückten Hotel
von der Rezeption bis in die verschiedenen Hallen,
bis hin in die privaten und separaten Zimmer.

Wie ein Somnambule oder Mondsüchtiger
folgst du ihnen ohne Zögern.
Sie singen und spielen für dich,
gekleidet in verschiedene bunte
flaggenartige Kleider, hüllen sie dich
in poetische und versprechungsvolle
Worte ein, bis du nicht mehr weißt,
ob du ein einfacher Mann bist
oder irgendein pfauenartiger
Casanova.

Sie haben fast alle
bezaubernde Namen,
die als Programm schon
das enhalten,
was sie in Wahrheit beabsichtigen.
Sie alle lächeln und lachen,
flüstern und stöhnen,
bis du, naiver Internetplauderer,
fast verrückt wirst
vor Vergnügen und dich
in eine von ihnen verliebst...

Ihr, die ihr im Begriff seid
in das bizarre Labyrinth
perfekt gesponnener Internetwelten,
einzutreten, seid vorsichtig!

Ich warne euch. Hütet euch
vor den betörenden Sirenen,
die euch mit süßen Stimmen
und schönen Sätzen
in ihr Netz locken,
bis ihr nicht mehr wisst,
wer ihr seid,
von wo ihr gekommen seid,
und wo ihr hingeht.

Doch ich weiß ja,
ihr stolzen Männer,
dass ihr mir niemals glauben werdet.
Nun werdet ihr um so mehr versuchen
zu beweisen, dass ich Unrecht habe,
dass ich einfach nicht verstehe,
das nur meine Fantasie zu groß
oder zu klein ist.

Aber ich rate euch dennoch:
bevor ihr irgendwelche Abenteuer anfangt
und euch vielleicht für lange Zeit
in der bizarren Internetwelt
mysteriöser Zwischenwelten verliert,
nehmt wenigstens das Fadenknäuel
unserer guten Freundin Ariadne mit.
Ihr Knäuel wird euch retten.

Die Sirenen selber, die gewiss alle
viel erfahrener sind als naive Männer,
sehen das selbstverständlich ganz anders.
Sie sind überzeugt davon,
dass sie uns niemals rufen würden,
wennn wir sie nicht vorher
mit unserem Charme
und unserer Prahlerei
dazu provozierten.