Hans-Georg Kaiser

Spuren im Sand

(geschrieben für eine Sirene der Liebe)

Ich suchte sie am Abend am Meer
in der Nähe ihres Hauses,
weil ich weiß, dass sie es liebt
nackt auf dem Sand zu laufen,
wenn der Wind übermütig bläst
und die Wellen
wie zärtliche Zungen
wollüstig den Strand berühren.

Von ihrem Haus ist es nur ein Kilometer
bis zum Meer.
Aber ich fand sie nicht.
Der Strand war leer.
Nicht einmal eine Möwe war zu sehen.
Jemand zeichnete mit dem Fuß
ein großes Frauenauge in den Sand,
ein schönes Auge, das Auge einer Göttin.
War sie es, die ich mein Leben lang
gesucht hatte?
Wer malte das Auge?

Ich ging weiter am Strand
und fand im weichen Sand
eine einfache Zeichnung
eines Herzens, das von einem Pfeil durchbohrt war.
Ein Bild, das sie mir irgendwann
geschickt hatte.

Verrückte, Spötterin, das hast DU gezeichnet!!
Was machst du mit mir?
Warum lockst du mich fort?
SIRENE DER LIEBE,
warum quälst du mich so?
Bedenke, dass ich den Kopf verlor
WEGEN DIR.
NUR WEGEN DIR.

Ich ging weiter auf dem Sand
und ich fand
das kindische Gesicht
einer spöttischen Luna.

Was ist das?
Wer will mich weglocken?
Ein Mensch oder eine Göttin?
Wer bist du?
Wer hat dich geschickt?
Zielst du auf mich?
Mich???
Sag es!!!

Wen willst du verlocken?
Meine große Liebe!
Sag es endlich!

SIRENE DER LIEBE!
VERRÜCKTE!
Wen rufst du mit deiner
Mondpoesie zu dir?

Ich ging weiter auf dem Sand,
und fand nun die Spur
von kleinen zarten Füßen,
die von den vielen Wellen
mit ihren rauen Zungen
wollüstig beleckt wurden.
Waren es deine Füße?
Oder die einer anderen Göttin?

Ich lief den Spuren im Sand
hinterher und schrie laut
wie der Sänger Orpheus
ins Meer:
Ihr Götter, sagt mir,
wohin wird diese Spur führen?
In das Land „NIE UND NIMMER"?
Meine Schöne, niemals sehe ich dich.
Niemals kann ich dich fangen.
Immer läufst du weg von mir,
bevor ich dich erreiche.

VERRÜCKTE,
KARNEVALISTIN,
SIRENE DER LIEBE,
ZEIGE DICH!

Ich ging weiter auf dem Sand.
Sturm erhob sich.
Der Gott des Windes wurde wütend
über meine dummen Fragen.

Und die rätselhaften Spuren der Sirene
in dem gelben Sand fingen an zu verwehen.