Hans-Georg Kaiser
Vor dem Spiegel

"Spiegel, Spiegel an der Wand,
wer ist die Schöne aus fernem Land?
Spiegel, Spiegel, wer...?" murmele
ich vor mich hin.
Es ist Nacht
in dieser winzigen Mansarde
unter dem Dach.
Die Planken knarren.
Mit einer Stabtaschenlampe
suche ich den Spiegel,
der mir die Antwort
geben könnte.
Irgendwann habe ich ihn hier verborgen.
Irgendwo dort hinter dem Samtvorhang
muss er sein, der Spiegel aus Spanien,
der mich so sehr fasziniert hatte.
Wo ist dieser sprechende Spiegel,
zu dem ich geredet habe,
und der mir geantwortet hat?
Hinter dem Vorhang
muss der Spiegel hängen.
Ich fasse den Vorhang an,
doch plötzlich raschelt es da,
etwas bewegt sich,
ein Frostschauer
jagt mir über die Haut.
„Spiegel, Spiegel an der Wand,
wer ist die Schöne aus fernem Land?
Spiegel, Spiegel...“, sage ich leise.
Ich will den Vorhang wegziehen.
Doch etwas bewegt sich dort plötzlich.
Der fahle Mond,der geheimnisvoll leuchtet,
strahlt plötzlich immer heller
durch das Dachlukenfenster herein.
Staubteilchen beginnen
auf den Planken zu tanzen,
wie Elfen. Es schauert mich.
„Spiegel, Spiegel an der Wand,
wer ist die Schöne aus fernem Land?
Spiegel, Spiegel...“
Und dann erstarrre ich zu Eis.
Der Vorhang öffnet sich
und jene geheimnisvolle Dame,
die ich auf dem Spiegel sah,
lacht mich plötzlich als Person
mit großen und schönen Augen
in den Kleidern einer Zigeunerin an.
Sie tritt aus dem Vorhang hervor,
präsentiert sich mir als
Magia Cigana und berührt
mit ihrem Mund
meine Lippen.
Ihre Lippen sind
kalt wie Eis.
Es ist so schauerlich.
Sie fordert mich zum Tanzen auf.
Ich tanze mit ihr einige Schritte
im Kreise.
Doch ich halte in der Hand
etwas, das sich anfühlt
wie ein Skelett, wie die Glieder
einer mechanischen Puppe.
Und die Puppe sagt mit rauer
heiserer Stimme zu mir:
„Komm in mein Reich!
Komm in mein Reich!“
Sie küsst mich mit
saugendem Mund.
Sie ist sehr erregt.
„Komm, komm schon!
Ich warte schon
so lange auf Dich!
Komm nun endlich!“
Sie schließt ihre Augen,
sie fasst mich fest an den Hüften.
Und dann - schwinden mir
plötzlich die Sinne.