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Hans-Georg Kaiser

Abschied von einem Gespenst


Mach's, gut, Unbekannte,
du geheimnisvolles Internetwesen,
das sich als Schulgespenst ausgibt,
und das doch gar meine Mutter sein könnte
oder meine eigene Frau
oder eine Marsianerin,
wenn auch die einen Internetzugang
haben sollte.
Vielleicht bist du auch mein Bruder,
der seit Jahren verschollen ist.
Oder du bist meine Schwester in Stuttgart,
die wissen will, was der große Bruder so treibt,
wenn er keine Gedichte schreibt.
Vielleicht bist Du diejenige,
die jeden Abend aus ihrem Fenster
zu mir herüberschaut,
mit einem Fernrohr in der Hand,
um zu sehen ob ich Kaffee oder Tee trinke,
oder ob ich gerade Sex mit meiner Puppe habe
oder Pornoseiten im Computer anschaue...
Deinen Namen weiss ich nicht,
dein Alter kenne ich nicht,
wo du wohnst weiss ich nicht.
Deine Telefonummer
hast Du mir nie verraten.
Ich weiss von dir eigentlich nur,
dass Du Gedichte ins Netz stellst
und dass Du nicht immer nur
Du sein willst -
was ich ein bisschen verstehen kann -
währenddessen ich
immer nur ich selbst sein will.

Deswegen also, mach's gut,
unbekanntes Wesen.
Ich kann Versteckspiele nicht leiden,
ich verliere so schnell die Geduld dabei.
Ich glaube auch nicht an den Satan
oder an Engel auf dem Eis,
die mit blauen Augen
und schwarzen Lederstiefeln
über das dünne Eis staksen.
Der Tod geht mich nichts an,
weil ich dann ja schon tot sein werde,
wenn er eingetreten ist.

Wenn du die Versteckspiele satt hast,
dann wähle einfach meine Nummer
und sage mir, wer Du bist -
dann können wir vielleicht wieder
miteinander reden.