HANS- GEORG KAISER
WEIHNACHTSGEDICHTE
- Advent
- Der beste Weihnachtsmann
- Der Weihnachtsbaum muss weg
- Krippenspiel
- Räuchermännlein
- Stromausfall
- Weihnachtshasser
- Weihnachtskaufrausch
- Weihnachtsmann von Amts wegen
- Winterwelt
Advent
Wo vier Kerzen festlich stehen,
nimmt Advent schon seinen Lauf.
Wo sich Pyramiden drehen,
leben Weihnachtsmärchen auf.
Wenn Adventsgestecke duften
auf dem Kaffeesonntagstisch
und die Leute nicht mehr schuften,
wird man plötzlich träumerisch.
Wenn wir uns nicht nur beklagen
und nicht flüchten sehr weit fort,
dann belebt an Weihnachtstagen
Sinnenfreude manches Wort.
Diese Freude, jene heute,
macht uns selig, leicht und rein.
Fein Gebacknes und Geläute
zieht in offne Herzen ein.
Wenn wir Weihnachtslieder singen,
Elvis hören, Mozart, Bach,
wenn die Hallelujas klingen,
werden wir bald richtig wach.
Wenn die Engelsaugen leuchten
goldbarock im hellen Schein
und wir uns nicht selbst nur täuschten,
zieht der Frieden in uns ein.
Der beste Weihnachtsmann
Wer am meisten schenken kann,
ist der beste Weihnachtsmann.
Wer nichts schenken kann hingegen,
der bringt keinen Weihnachtssegen.
Darum merkt euch liebe Leut'
nur wer Geld hat, kann auch geben.
Deshalb müsst ihr jederzeit
immerfort nach Wohlstand streben.
Könnt ihr schenken, andern geben,
kann der Gutmensch in euch leben.
Wer nichts schenken kann hingegen,
der kommt meistens ungelegen.
Der Weihnachtsbaum muss weg!
Es ertönen die Sirenen,
Böllerknallen, großer Schreck,
mich befällt ein tiefes Sehnen:
Stimmt! Der Weihnachtsbaum muss weg!
Fort Lametta, Kugeln, Spitzen,
fort das gleißend helle Licht,
weg die Nadeln aus den Ritzen!
Pyramiden braucht man nicht.
Nie mehr Stille, Schluß mit Fressen!
Nüchternheit - das wahre Fest!
Flaschen weg und schnell vergessen -
denn mir gab das Fest den Rest.
Niemals will ich mehr skandieren:
Komm du zartes Jesulein!
Lieber will ich selbst krepieren,
als beim Schlachtfest froh zu sein.
Niemals wieder will ich beten
zu der Jungfrau mit dem Kind.
Erst beim Platzen der Raketen,
merkte ich - es dreht der Wind.
Niemals wieder will ich schwärmen.
Das hat alles keinen Zweck.
Aufruhr fühl ich, Engel lärmen:
Los! Der Weihnachtsbaum muss weg!
Krippenspiel
Maria und ihr Josephverharrten bei dem Kind.
Sie fanden einst ein Obdach
im Stall beim Wirt geschwind.
Die Hammel und die Schafe,
die schützten vor dem Wind.
Ein Ochse übte Beten;
ein Hirte kam herein.
Und Joseph an der Tür dort
ließ alle Gäste ein.
Ob Menschen oder Schafe:
Man will behütet sein.
Ein Stern, so fern, half leuchten
drei Königen zur Sicht.
Ob sich die Schreiber täuschten?
Die Bibel nennt sie nicht!
Es kamen Zaub'rer, Schafe.
Und Wind blies ins Gesicht.
Maria und ihr Joseph,
die durften Zeuge sein.
Die unbefleckte Jungfrau
gebar das Jesulein.
Beim Zählen seiner Schafe
ließ Gott sie nicht allein.
Räuchermännlein
habe alle gerne;
einer war uns zugedacht,
funkelte wie Sterne.
Hat 'ne rote Jacke an,
auf dem Bauch 'nen Laden.
Händler ist der gute Mann,
raucht viel Pfeiffenschwaden.
Ohne Räuchern geht es nicht,
rot ist seine Nase.
Hat 'nen Schnauzer im Gesicht,
steht auf grünem Grase.
Führt auch gute Laune mit,
dass das Fest gelinge.
Für die Kinder bringt er mit
lauter schöne Dinge:
Schaukelpferd und Hampelmann,
dazu Topf, Trompete,
einen Bär mit Bändchen dran,
einen Ball und Knete.
Auf dem Rücken ein Gestell,
Eisenbahn und Puppe,
einen Leuchturm rot und hell,
Würfel, Pärchengruppe.
Wie das Räuchermännlein lacht,
wenn die Schwaden fliehen.
Tannenduft steigt auf mit Macht.
Es sei ihm verziehen.
Stromausfall
Leise wird es und still.
Fast so leis wie ich's will.
Schritte nur noch und es hallt.
Plötzlich ist's Nacht und so kalt!
Auf dem Markt wird es still.
Strom fällt aus und der Grill.
Und auch kein Engel mehr singt,
da keine Kasse mehr klingt!
In den Buden wird's still,
keiner, der kaufen will.
Sternenlicht fällt auf die Welt,
weil es kein Lichtschmutz entstellt!
Still, so mucksmäuschenstill,
da kein Strom kommen will.
Jeder steht einsam und schweigt,
während der Nebel aufsteigt!
Weihnachtshasser
Jedes Jahr muss er sich quälen,
kommt heran der Weihnachtstag,
wenn sie wieder frech erzählen,
dass man sich so richtig mag.
Ja, dann sitzt er ganz verbissen,
dort in seinem Sünderstuhl.
Ist voll Mordlust trotz Gewissen,
wünscht die Oma tot im Pool.
Will den ganzen Baum verbrennen,
tritt im Kopf schon Scheiben ein,
hört wie die Verwandten flennen,
wie sie schreien: „Raus, du Schwein!“
"Ach, wie ich die Heuchler hasse",
denkt er, der auf Rache sinnt.
"Ob ich mich mal gehen lasse?
Draußen bläst schon bös' der Wind.
Ob ich großes Feuer mache,
bis die ganze Stadt verbrennt
und dabei wie Nero lache,
freudetaumelnd im Advent?
Ob ich endlich Rache übe
an der eitlen Christenwelt,
wenn ich diese Weihnacht trübe,
die selbst Jesus nicht gefällt?
Brennen sollen die Geschenke
und die ganze falsche Brut,
die, wenn ich wenn ich recht bedenke,
jedes Jahr so heilig tut."
Weihnachtskaufrausch
Schon sind wir mittendrin.
Es wird uns Käufern bange.
Der Kaufrausch reisst uns hin,
wir murren in der Schlange.
Wir drehen hundert Runden
und stopfen Taschen voll.
Schon wieder was gefunden!
Ist das nicht wirklich toll!
Wir kaufen, kaufen, kaufen
für unsren Glorienschein.
Wir laufen, laufen, laufen.
Zum Fest soll Frieden ein.
Wir sind so aufgedreht
und haben keinen Schimmer,
worum es wirklich geht.
So füllen sich die Zimmer.
Wir laufen, laufen, laufen.
Wir opfern uns für' s Fest.
Wir kaufen, kaufen, kaufen
und kaufen noch den Rest.
Wir laufen um zu kaufen
und schimpfen noch dabei.
Fehlt nur noch, dass wir raufen,
dann käm' die Polizei.
Weihnachtsmann von Amts wegen
So ein Mann ist nicht beliebt,der rein gar nichts schenken kann.
Hat er erst sein Geld versiebt,
stellt er sich nach Arbeit an.
Da ihm viel an Arbeit liegt,
sagt im Amt der gute Mann,
dass er eine Arbeit kriegt:
Morgen schon - als Weihnachtsmann!
Winterwelt
Ein letzter Schrei noch aus zerbroch'nen Hallen;
Schon halb erstickt, verworfene Gesänge.
In kalter Zeit verstummen eitle Klänge;
Von oben her die toten Engel fallen.
Ich bin erstaunt und spüre schon die Krallen
der Winterwelt im Eise, in der Menge.
Der Lügengott bewegt sich im Gedränge;
und irgendwo im Trott ein Fäusteballen.
Die Eisprinzessin liebt den Frost, das Wehen.
Sie hat kein Herz, weil dies am Leben hindert.
Sie weiß genau: Nur Starkes überwintert.
Viel Weihnachtsfrust, die Rabenjungen krähen.
Die Schneefrau schweigt, sie hat genug vom Leben.
Sie wünscht sich nur: Es sollte Frühling geben.