Hans-Georg Kaiser

Reichsbahnblues

(Vor meiner Ausreise 1988)




He, du, junger Mann,
mit der Mundharmonika
zwischen den Zähnen,
auf dem letzten Bahnsteig,
mit allen diesen einsamen Menschen
um uns herum,
spiel mir den Reichsbahn-Blues
von Stefan Diestelmann,
spiel von den tristen Bahnhöfen,
jetzt, eine Minute vor Mitternacht,
bevor der Schnellzug in das Land
unbestimmter Hoffnung einfährt.

Spiel mir den Blues
über die Transporte ins Gas,
damals, als mein Vater Gerüchten zufolge Schreiber in einem KZ war.

Spiel mir das Lied von den Viehtransporten in den Gulag.

Spiel das Lied
über die schweigenden Menschen,
die damals geschwiegen haben,
und die jetzt wieder mit starren Gesichtern stumm auf ihren Koffern sitzen.

Spiel von den gespenstischen Neonlichtern,
die auf den Schnee vor der Bahnhofshalle
fallen.

Spiel mir das Lied
von den eisernen Brücken,
imitiere mir die dampfenden ratternden Züge, die niemals ankamen.

Spiel von den Fahrgästen der Züge,
die schweigen und warten und hinausschauen
auf die vorüberfliegenden Bilder der Nacht:
auf düstere Bäume,
auf graue Gräser,
auf das Schwarz
hinter den Scheiben,
auf riesige Bagger und Schornsteine,
auf die Lichterketten der Städte.

Spiel von den wenigen widerständigen Lichtern,
die in Bruchteilen von Sekunden in der Dunkelheit aufleuchten.

He, du, junger Mann,
mit der Mundharmonika
zwischen den Zähnen,
spiel für mich den Reichsbahn-Blues,
ehe meine Ausreise aus dem Osten
in den Westen Deutschlands beginnt.

Spiel mir den Reichsbahn-Blues,
damit ich nicht allein bleibe
mit meiner Traurigkeit,
nach vier Jahren Wartezeit.


Bemerkung:
'Reichsbahn', dieser absurde Name wurde unter Hitler gebraucht, in der DDR, jetzt heißt es Bundesbahn. Ich habe mich immer über die Reichsbahn gewundert. Keiner konnte mir sagen, warum es sie in der DDR weiter gab. Auf jeden Fall gab sie eine Kontinuität wieder, die des Reichswahnes.