HANS-GEORG KAISER
REIMGEDICHTE
N
- Nach dem Tod
- Nacht zerinnt in Schweigen
- Narrenende
- Neue Küsse, neue Lippen
- Noch mehr empört
- Novemberblues
- Nuhr-Kultur
- Nun aber dalli!
- Nur geträumt?
Nach dem Tod
Was nach uns'rem Tode kommt,kann kein Toter wissen,
weil wir für Denken dann
auch Gehirne haben müssen.
Doch weil die Gehirne nicht
in den toten Körpern leben,
kann es auch kein Denken mehr
nach dem Tode geben.
Nacht zerrinnt in Schweigen
Nacht zerrinnt in Schweigenund die Uhren zeigen
Schatten wunderlich.
Die Gespenster schreiten
wie zu alten Zeiten.
Kinder fürchten sich.
Hinter Lampionen,
oben auf Balkonen,
geht der Schlappschwanz um.
Hinter Fensterscheiben,
die vergittert bleiben,
drängt sich Publikum.
Nacht ist grau, verschwommen.
Was soll da noch kommen?
Etwas, das sich lohnt?!
Trunk'ne Engel schweben,
die im Rausch nur leben.
Keiner wird verschont.
Narrenende
Im TOD schon versunken,von jenem gewunken,
so baumle ich NARR
und bin mir nicht klar,
ob' s das ENDE schon war.
Ich pack meine Beine,
sie schellen wie meine.
Es GRÖHLEN Gesänge
der lüsternen MENGE.
Da merk' ich, ich hänge
am KOPF an 'nem Seil.
Neue Küsse, neue Lippen
Wenn die bösen Blicke sterbenund das böse Keifen auch,
bleiben uns nur noch die Scherben,
flieht die Liebe mit dem Rauch.
Und so kann man plötzlich lassen,
was man einst so heiß begehrt.
Warum soll man liebend hassen?
Solche Liebe ist nichts wert.
Neue Liebe, neues Leben,
zieht uns jetzt in ihren Bann.
Und man muss danach nicht streben,
weil man gar nicht anders kann!
Wieder kann das Spiel beginnen,
dass der kühnsten Hoffnung frönt.
Neue Küsse, neue Lippen,
ach, wie gern wird man verwöhnt.
Noch mehr empört
Sie ist so zart und ist so gut,in Wallung bringt sie ihm sein Blut.
Sie macht sich täglich mehr beliebt,
was es nicht mal im Märchen gibt.
Doch ist sie scheu so wie ein Pferd,
wenn sie mit Freunden heimwärts fährt.
Sie schließt die Festung immer zu
und hat auf diese Weise Ruh'.
Weil sie nur mit den Augen blinkt
und nie mit seinen Lippen ringt,
fragt er sich oft ob sich's gehört
und ist darum noch mehr empört.
Novemberblues
Wenn die letzten Hüllen fallenund wir jenem Blues verfallen,
werden wir uns wie im Fieber
heftig ineinander krallen.
So wie letzte Blätter schweben,
werden wir das Beste geben.
Mit Novemberblues beladen
schließich nach Nirwana streben.
Wie der Blues in kleinen Terzen
ganz entrückt den Seelenschmerzen,
werden wir durchs Weltall fliegen,
in der Nacht, im Licht der Kerzen.
Nuhr-Kultur
Und die Kultur,
nach Fernseh-Uhr?
Ist das die neue Nur-Kultur?
Warum, Herr Nuhr?
ist Kult gleich Hur'?
Ich frag' ja nur.
Nun aber dalli!
Warum ich das Buch hier halte?Das ist meine Werbespalte.
Ich will hier mein Buch verkoofen:
Dallgeschichten für die Doofen.
Ob ich jetzt auch Bücher schreibe?
Nee, ich hab' doch keine Scheibe.
Doch nun haltet mal die Schnuten
für die Werbespotminuten.
Von Karl Dall "Die coolsten Reden"!
Dalli, dalli, in die Läden!
Dann kriegt ihr es endlich mit:
Karl ist toll und bleibt ein Hit!
Nur geträumt?
Ich liebte einst ein junges Weibam Teehaus hinterm Stein.
Sie brachte gute Laune mit.
Bild ich mir das nur ein?
Ich liebte einst ein scharfes Weib
im Sommer gleich am See.
Das Picknick brachte sie gleich mit.
War's wahr? Nicht nur Idee?
Ich liebte einst ein kluges Weib
versteckt am Waldesrand.
Sie brachte viel Erfahrung mit.
Ob ich sie nur erfand?
Ich liebte einst ein Nixenweib
im Meer auf sehr viel Schaum.
Sie brachte Eis von Pückler mit;
das war gewiss kein Traum.