MEINE KURZPROSA

Als die Heiligen einmarschierten  
Arbeiter bei VW
Aufsichtsbehördenbrief
Einlass in das Gesetz
Fliegender Mensch
Saisonbeginn I + II
Schuhu Rudi


Hans - Georg Kaiser

Als die Heiligen einmarschierten


(unter Abspielung des Titels: "Oh, when the saints  go marching in" zu lesen)



Als sie ihre Stadt errichtet hatten, für alle Menschen in der besseren Welt, am Morgen, als der Weltfrieden anbrach, stimmte jemand das Lied: "When the saints go marching in" an.

Die Heiligen ließen sich nicht lange bitten und marschierten in die Stadt hinein. Weil sie die Heiligen waren, führte man sie gleich zum größten Festplatz der Stadt.

Starke Kerle zimmerten schnell eine neue Tribüne, weil die Revolutionäre die alte vorher zerstört hatten, und dann hielt jeder Heilige auf der Bühne eine Rede.

Die Reden, die alle dem ewigen Frieden gewidmet waren, waren noch nicht zu Ende gesprochen, als schon der Streit unter den Heiligen losging, wer von nun an der Heiligste unter den Heiligen sein solle.

Derjenige, der das Lied über den Einmarsch der Heiligen geschrieben hatte, und der nur darum berechtigt war mit den anderen einzumarschieren, weil Gott das persönlich gefordert hatte, war der erste, der verstoßen wurde. Nach der Meinung der anderen war er kein wirklicher Heiliger.

Man verständigte sich aus Tradition auf Petrus. Dann krähte ein Witzbold mit dem Namen Judas dreimal. Danach beschuldigte man ihn der Feststänkerei, ergriff den Verräter und jagte ihn aus der Stadt.

Hans -Georg Kaiser

Arbeiter bei VW

   

Ich habe - weil ich als Arbeitsloser angeblich so viel Zeit habe - meine Schwiegereltern zum Bruder meines Schwiegervaters nach Hessen auf ein Dorf gefahren, das offenbar nur aus lauter kleinen Häuschen besteht. Little boxes on the hillside.

Jetzt sitze ich am Tisch des "Jüngsten", der noch besucht werden musste, im praktischen, "mit eigenen Händen erbauten", aber sehr spießig eingerichteten Zweifamilienhaus.

Ich verkneife mir jede dumme Bemerkung und esse wunderbare Semmelknödel mit Gulasch nach altem Hausrezept böhmischer Vorfahren. Dabei höre ich mir an wie die bösen Russendeutschen die Ordnung im Dorf stören, indem sie hier anrückten, Leute verprügelten und Häuser bauten. Es sind zwei von vierhundert.

Dann reden wir über VW, weil der "kleine Bruder" meines Schwiegervaters viele Jahre in Kassel in der Lackiererei gearbeitet hatte. Dessen Schwiegersohn, seine eigene Tochter und deren gemeinsame Tochter wiederum sitzen mit am Tisch. Das Paar hat eine Wohnung im Haus. Der Schwiegersohn Jürgen arbeitet auch bei VW, in der Planungsabteilung, die festlegt, wann und wo das äußerste Minimum an Arbeitern für diese und jene Arbeit eingesetzt werden soll, damit sie nicht ins noch billigere Ausland verlegt werden muss, z.B. nach China. Ohne Überstunden gehe es nicht ab.

Ich frage ihn, nun schon vertrauter geworden: "Und die vielen Überstunden, wann kannst du die denn abfeiern?"

"Die... die kann ich abfeiern, wenn ich tot bin." Er grinst und lacht dann laut auf.

Dann nimmt er mich mit in seine Wohnung, schaltet den Computer ein und zeigt mir, wie die Mohrhühner II abgeschossen werden. Er scheint nicht sehr versiert zu sein. Der Höchstpunktestand der Tochter ist viel größer. Ich sehe ihm an, dass er nicht zufrieden ist. Morgen früh jedoch wird er wieder zum Fußball gehen und Sonntag zum Skat. "Sonst nur Arbeit, Arbeit", fügt er hinzu, "auch mit dem Haus hier, du glaubst nicht, was da alles zu machen ist. Und du weisst ja schon, meine Frau ist sehr krank."

Dann zeigt er mir Familienfotos. Ein Foto mit VW und schwarzem Hund fällt mir auf. Er sagt: "Ich war pinkeln und Blackie ist einfach aus dem Wagen gesprungen. Der VW war verbilligt - von der Firma. Jedes Jahr kriegen wir bei VW ein neues verbilligtes Auto für die Mitarbeiter. Na, was sagst du? Ich kaufe jedes Jahr ein neues. Kommt mir billiger."

Ich sage nichts dazu und schaue mir das Bild weiter an. Ich sträube mich innerlich gegen so viel Schicksalsergebenheit. Ist das nicht wieder die goldene Kette, die sie uns allen umgehängt haben?

Ich stelle mir plötzlich vor, ich wäre der Mann im VW. Ich springe aus dem Wagen, werfe die Narrenkappe und den Fanschal des Wolfsburger Fußballvereines weg. Ich höre mich 'Jetzt leckt mich endlich mal am Arsch!' schreien. Ich sehe, wie ich die hintere Tür aufreiße, den Hund freilasse und mit ihm hinausrenne ins weite Feld, wo es noch Käfer gibt, die nichts vom Führer wissen, wo ich noch frische Luft in freien Räumen atmen kann, ohne die profitgierigen Manager eines Großkonzerns vor der Nase zu haben. Ich bin froh darüber, dass ich kein Häuschen habe, und das ich nicht bei VW arbeite. Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint. Wäre es anders, würde ich jedoch kaum anders handeln als er.

Und doch ziehe ich etwas widerwillig meinen Hut vor ihm, vor dem, der das alles aushält, weil er seine schwerkranke Frau liebt und nicht so einfach verschwinden könnte, wie ich mir das in meiner Fantasie so gedacht hatte. Doch Jürgen ist keine Ausnahme. Es ist das Los aller Lohnarbeiter von ihren finanzkräftigen Herren abhängig zu sein. Davon kommt nur der Tagedieb, der Streuner, der Vagabund, wenn er ein wenig Glück im Leben hat.

***

Dieser Baum gehört zwei Nachbarn. Da einer ihn offenbar wegen lästigem Blätterfall oder aus andereren Gründen nicht leiden kann, wurde eine Seite abgesägt.  (Hans-Georg Kaiser)


Hans- Georg Kaiser

Aufsichtsbehördenbrief

Sehr geehrter Baum X in Y,

da Sie auch weiterhin ihre Blätter, wenn auch saisongerecht, bedenkenlos auf das Nachbargrundstück des Klägers abwerfen, und dort spazierende Menschen beim ungestörten Gehen behindern, sehen wir uns nach Einschaltung der Polizei, der Landvermessung, eines Fotografen, eines Blattzählers und einiger Anwälte leider gezwungen Sie für immer absägen zu lassen, da Sie wegen Abwesenheit zu den Gerichtsterminen ihr Recht zum Weiterleben bis auf weiteres verwirkt haben.

Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass die Gesetze für Baum-Rentner oder für geschützte höhere Arten und Bauwerke in Ihrem Fall nicht in Frage kommen. Einspruch gegen das Urteil ist zwecklos, da alle Termine für Einsprüche bereits längst überschritten sind.

Bleiben Sie bitte bis zu ihrer Absägung an ihrem Platz stehen.

Um eventuelle Fälle von Lynchjustiz zu vermeiden, unterlassen Sie ab jetzt jeden weiteren gesetzwidrigen Blätterfall und halten sie sich für ihre ordnungsgemäße Beseitigung jederzeit zur Verfügung.


Mit vorzüglicher Hochachtung
Dr. Säger!
Städtische Aufsichtsbehörde
zur Regelung von offenen Baumfragen.


Hans-Georg Kaiser

Einlass in das Gesetz

(frei nach Kafka)



"Halt! Hier müssen sie anhalten! Hier dürfen sie nicht weitergehen! Ich bin hier nur der erste der Torwächter, aber hinter dem Tor stehen noch ganz andere Tore und Wächter! Ich brauche sie nicht ausdrücklich zu warnen, und doch sage ich es Ihnen im Vertrauen, damit sie sich keine weiteren falschen Hoffnungen mehr machen: Diese Wächter, die nach mir kommen, sind Riesen, sie haben Augen so groß wie Wagenräder. Und sie haben das Recht, weil sie die Gewalt haben! Deshalb ist es überflüsssig mir hier mit Paragraphen zu Leibe rücken zu wollen. So haben sie doch nie im Leben eine Chance! Ihre Wutausbrüche sind nicht einmal mehr amüsant. Die Pyramiden von Gizeh würden sie doch auch nicht über den Haufen rennen wollen, die umgehen sie doch, oder? Sie müssen es etwas geschickter anstellen.

Der Torwächter schwieg lange und sah dabei den Einlass Begehrenden nachsichtig an. Dann fügte er hinzu: "Sehen sie, ich bin doch hier nur der Hüter des Gesetzes. Gehen sie also zurück. Gehen sie nach Hause. Gehen sie dorthin, wo ihre Heimat ist, finden sie sich selbst, damit sollten sie anfangen, weil da ihre Probleme enstanden sind. Verstehen sie mich jetzt? Hier jedenfalls kommen sie nicht weiter! Hier ist es fast immer verboten!"


Hans-Georg Kaiser

Fliegender Mensch

Ein Mann mit dem Namen Grau, der ohne Aufmerksamkeit zu erwecken - viele Jahre in einem Wolkenkratzer gewohnt hatte, verließ eines Tages seine Wohnung nahe dem Keller und fuhr mit dem Lift nach oben. Auf seinem Rücken waren zwei Flügel zu sehen, die ihn ein wenig störten, als er in den Lift ging. Der Wolkenkratzer hatte 45 Etagen. Oben klemmte er sich beinahe die Flügel im Lift ein.

Dann ging er durch eine Eisentür auf das Dach, atmete rasch und stark ein und flog dann mit seinen Flügeln los, wie ein Vogel oder Engel.
Die Bewohner des Wolkenkratzers schauten alle aus den Fenstern und einige liefen auf das Dach. Sie schrien, erregten sich, zeigten mit Fingern auf ihn. Einige Damen erbleichten und andere Personen sahen neugierig durch Ferngläser.

Jemand rief: He, Verrückter, komm zurück, weißt du nicht, dass das unverschämt ist einfach loszufliegen, ohne uns vorher zu fragen!"

Aber der Kerl lachte nur und grüßte mit dem Strohhut in der Hand. Er schrie grinsend nach unten: "Tschüss nun, schnöde Welt!"

Die Sonne glühte. Der Vogelmensch flog höher und höher und höher; aber er war nicht Ikarus, und darum stürzte er auch nicht ab. Dann war er nur noch ein Punkt am fernen Horizont, und am Ende verschwand er ganz. Die Leute schüttelten verwundert die Köpfe.

Aber schon nach drei Jahren wollte keiner mehr zugeben, dass etwas Derartiges wirklich geschehen sein konnte. Sogar diejenigen nicht, die es mit eigenen Augen gesehen hatten. Sie verständigten sich darauf, dass das nur ein technischer Trick gewesen sei, dass er nicht wirklich wie ein Vogel geflogen war.

Ein Professor malte ein Bild von dem Flug. Aber auf diesem sah er schon fast so aus wie ein fliegender Gott in den Büchern Dänikens, gar nicht mehr wie Nachbar Grau, der einige Jahre mit ihnen im gleichen Wolkenkratzer gewohnt hatte.

Doch er war scheinbar mutiger al sie, er wollte nicht nur die Wolken kratzen. Sein Appetit nach neuen Horizonten war augenscheinlich viel viel größer.


Hans-Georg Kaiser

Saisonbeginn I




Jedes Jahr die gleiche Zeremonie bei Frau Aichinger. Wir wollen unseren ersten Kaffee der Saison trinken, in der Sonne zwischen den Gartenmöbeln.

Frau Aichinger, die Chefin des dunklen Restaurants, sagt uns auch in diesem Jahr mit einem Augenzwinkern: "Ist es nicht ein bisschen zu früh dafür, ist es nicht zu kalt draußen?"

Donjo antwortet resolut: "Überhaupt nicht, es ist schon sehr warm. Nach dem Wetterbericht muss es auch so sein."

Dann sitzen wir draußen am Tisch auf farbigen Stühlen,die blau und rot angestrichen sind. Auf dem wasserfesten grünweißen Tischtuch stehen unsere kobaltblauen Eisbecher. Wir wählten uns Schokolade,Vanille und Schlagsahne aus. Dazu frische Erdbeeren. Einfach lecker!

Die Sonne strahlt ab und zu, ganz nach Wetterbericht,und darum lacht auch Frau Aichinger von Zeit zu Zeit besonders freundlich, auch wegen der klingelnden Kasse.

Neu sind die Kaffeekännchen und Tassen mit den chinesischen Blumenmotiven, die nicht 'Made in China' sind aber auch nicht 'Made in Meißen', sondern, verflixt nochmal, einfach nur 'Made in Colditz', also aus dem ganz unbekannten nahe gelegenen Städtchen Colditz.

Ganz in Ordnung, denke ich, das ist doch ganz egal, woher die sind, wie? Ich bin nicht der Sachsenkönig. Und auch die Menschen in Colditz haben schließlich ein Recht auf Arbeit, nicht nur die in Meissen, und folglich auf ein erträgliches Leben, nicht wahr? Und dennoch, die Kännchen könnten ein wenig größer sein, auch wenn in China Ost angeblich alles so klein ist.

Ein bedrohlicher riesiger Schäferhund, der gerade im See nebenan gebadet hatte, und nun in Front einer jungen Familie heranschreitet, wendet sich mir mit einem bösen vernichtenden Blick zu, als wolle er mich zerreißen und hinterher verschlingen.

Doch als er Donjo erblickt, fängt er an fröhlich mit dem Schwanz zu wedeln und wird gewissermaßen so freundlich wie Frau Aichinger in ihrer blauen Schürze, wenn die Kasse und die Sonne lachen.

Bevor das Biest, von Donjo gegrault, friedfertig hinwegschreitet, wirft es mir noch einmal einen vernichtenden Blick zu, der ausdrücken soll: "Diesmal lasse ich dich noch leben, wegen deiner netten Bgeleiterin, doch wenn ich dich noch einmal hier solo erwische, dann war es das! Du Lump!"

Als der Hund schließlich verschwunden ist, wirft Donjo unbeabsichtigt eine Kafeetasse um und ich rufe sofort geistlos aus: "Ungeschick läßt grüßen!!

Sie antwortet beleidigt: "Gar nicht wahr, du Blödmann! Grrrrr....."

"Beruhige dich, meine Liebe", sage ich freundlich, weil ich die Idylle  nicht zerstören will.


SAISONBEGINN II

Ich will nun gleich ein heiteren Text über diesen Saisonanfang schreiben, aber wie üblich fehlen mir Notizblock und Stift, weil ich im Herbst meinen Wanderrucksack geleert hatte und im Frühling vergaß Block und Stift wieder hinein zu stecken. Leider bin ich nicht Hölderlin, der alles in seinem Kopf registrierte, wenn er durchs Gebirge zog.

Nach kurzer Diskussion sage ich zu meiner huldvollen Gattin: "Was tun, Donjo? Wir müssen das diesmal in unseren Köpfen festhalten: die kobaltblauen Eisbecher, die farbigen Stühle und Frau Aichinger, die besonders freundlich ist, wenn die Kasse wegen der Sonne lacht, den Hund und die Porzellantassen und die zu kleinen Kaffeekännchen aus Colditz sowie den vergessenen Notizblock und alles."

"Na und", sagt Donjo, "das ist ja wirklich nicht so kompliziert, oder etwa doch?"

Ich lamentiere dennoch: "Aber die Details, meine Liebe, die Details?"

Sie darauf: "Quatsch doch nicht so gelehrt, mein lieber Herr Professor Schusslig, zu viele Details, das wäre nicht gut, das sagst du ja selber immer, wie? Das will doch keiner wissen, ob die Tassen zum Beispiel 'Made in Colditz' sind, zu viele Details würden die Leser nur langweilen, mein Guter! Lass dieses Nest Colditz lieber ganz weg, und außerdem ist wahrscheinlich das ganze Gedicht sowieso völlig überflüssig, wie das Meiste auf der Welt. Das war also ihre Rache wegen des blöden Spruches zuvor.

"Hm", antworte ich mürrisch, weil ich selber nicht mehr ganz genau weiß, warum ich den Text eigentlich schreiben will. Und ich weiß auch nicht, warum die Tassen und Kännchen aus Colditz nun plötzlich eine so große Rolle spielen sollen.

Am Anfang hatte ich die unschuldige Idee diesen idyllischen Text über den Saisonanfang bei Frau Aichinger zu schreiben, über den schönen Moment, der sich jedes Jahr nur ein einziges Mal ereignet. Doch das glückte nicht ganz, wegen dem zweiten Teil, der sich leider irgendwie aufdrängte.

Und dann erschien der Text in einer Internet-Liste und der Schwede Sten, der Übersetzer und ewige Besserwisser, griff mit einigen guten und weniger guten Anregungen in das Gedicht ein. Ich warf einige überflüssige Teile aus dem Text heraus und lernte dabei, dass solche Idyllen nur noch in der Fantasie ohne jegliche unpassende Unterbrechung vonstatten gehen können.

Den zweiten Teil wollte Sten schließlich ganz streichen, aber da mischte sich Donjo wieder ein, die nun schon Gefallen am Text gefunden hatte: "Das kommt gar nicht in Frage! Das bleibt drin, und basta!"

Ja, was soll ich da machen, muss man es eben so veröffentlichen, obwohl ich selbst dies und jenes gewiss noch gern geändert hätte. Doch das ist nun schon graue Theorie, da der geneigte Leser den Text nun in dieser Version mehr oder weniger geduldig bereits gelesen haben wird. Meine Gratulation für so viel Ausdauer, lieber Leser!


Hans-Georg Kaiser

Schuhu Rudi


Ich bin nur ein kleiner Beamter mit einer Aktentasche und einer dunkel getönten Metallbrille, hinter der ich mich mit meinem verklemmten Lächeln verstecke. Ich bin vierzig, komme mir aber vor wie sechzig. Das heißt aber nicht, dass ich keine Gefühle habe. Auch Feiglinge haben Gefühle. Glauben Sie mir! Der eiserne Reifen um mein Herz ist noch nicht zu fest angezogen... Lassen Sie mich Ihnen darum eine Geschichte erzählen, die mich betroffen gemacht hat.

Ich saß im Stadtpark auf einer Bank. Es war schon spät. Die Dunkelheit setzte ein, als ein Verrückter auf mich zuraste. Ein Mensch, der wie ein Professor aussah, mit Schal, dickem Anorak und Wollmütze, und doch sehr verwahrlost. Er warf mit theatralischen Gesten um sich, wischte sich den Speichel vom Mund und schrie mir entgegen: "Schuhu, bist du es, Rudi, du? Kommst du aus dem Albtraum wieder auf mich zu?"

Als er mich erreichte, sagte ich nur: "Nein, ich bin nicht der Schuhu Rudi. Mein Name ist Hannes Wendt."

Der Wahnsinnige ging nicht darauf ein, sah mich mürrrisch an und sagte dann mit heiserer Stimme: "Der Schuhu hatte einiges auf Zettel geschrieben. In der Presse sickerte dies und das doch durch, so dass man sich ein Bild von der Sache machen kann. In der Kälte der Nacht haben sie ihn umgebracht, den obdachlosen Rudi, in einem alten Wohnwagen, und dann hat er nix mehr jesacht, der Schuhu, der arme Kerl, es war grausam... Er wurde UMGEBRACHT !!"

"Umgebracht? Warum haben sie den Schuhu -Rudi umgebracht?" fragte ich schüchtern.

"Das weiß man nicht. Das wird man nie erfahren. So eifrig ist man nicht gewesen, solchen Dingen nachzugehen. Hat auch der Mut dafür gefehlt, verstehen Sie mich, mein Herr? Angst und Feigheit, wie das heute so üblich ist, verstehen? Protokoll und Abgang, verstehen, he? Rein ins Auto und weg mit dem Aas. Leute wollen Glatzköpfe weglaufen gesehen haben. Ein rechtsradikaler Hintergrund, sagen die Bullen, läge jedoch nicht vor. Verstehen?"

"Ja, ich verstehe."

"Ach was! Sie kapieren noch immer nicht! Verfluchtes Nazipack! Verbrecher sind das!" schrie er.

"Großer Gott, warum sind Sie so schrill ?"

"Ich weiß nicht, warum ich so schreie, das Mordsspektakel mit dem Rudi geht mir nicht aus dem Sinn. Obwohl ich doch eigentlich nur ein... ein obdachloser Lehrer bin... Aber wissen Sie, ich habe den Rudi gekannt. Ich fragte einen Polizisten wegen dem Rudi, aber der sagte nur: 'Hau ab, du störst!' 'Danke', sagte ich, 'das Licht der Aufklärung gehe endlich bei mir an.'" Der Polizist hat gelacht und erzählte mir dann, dass abgerissene Plakatfragmente, die Notizen, Habseligkeiten vom ermordeten Rudi sichergestellt wurden. Eine herunter gefetzte Lampe, Tür und Tisch eingetreten. Schnapslachen... Traurig, traurig, was? -Ich frage mich, mein Herr, was würde denn der Rudi selber dazu sagen? Der Schuhu -Rudi, als der noch lebte? Der Penner Rudi? Oder als er noch das Christkind war, den sie immer gehänselt haben in der Schule? Rudi, warum hast du nie was jesacht? Ach Rudi. Er hatte Augen wie die Sphinx, geheimnisvoll.Verstehen Sie auch das?"

"Wie wurde er denn umgebracht?"

"Wie umgebracht? Mit dem Fahrtenmesser haben sie ihn umgebracht! In der Kälte der Nacht. Im Wohnwagen kaltgemacht. Mit Messer umgebracht...in Kälte...in Nacht!!! Furchtbar !!!" kreischte er tief verletzt auf.
"Ich verstehe Sie ja", sagte ich, "beruhigen Sie sich."
"Verstehen? Ja, vielleicht. Was sagen Sie aber dazu?"

"Es ist die bleierne Zeit", sagte ich, selbst erschrocken über mich.

Er brüllte mich an: "Die bleierne Zeit? QUATSCH!!! Stinkende, MÖRDERISCHE ZEIT."

Als hätte er die ganze Zeit ein Selbstgespräch geführt, sagte er höhnisch zu mir: "Ja, Sie sind doch immer noch da, ja? Sie, sie .. Film-Heini!! !Hahaha!! Sie sind noch da. Jajajaja... Ihr seid natürlich immer da. Ihr seid immer alle da. Wo waren Sie denn aber, als der Rudi kaltgemacht wurde, hä?"

"Ich?" fragte ich verdutzt.

"JAAAA, DUUUUU!!!! Warst natürlich nicht da. Du feiner Mann! Erst jetzt bist du da, niemand war da. Nur der Rudi war da und der Mörder war da, mit dem Messer war da. Na! Der war da! Verstehst du das? Wo wart Ihr also? Niemand von Euch war da. Und doch ist es wahr !!! Ihr wart auch da, mit der Tagesschau wart Ihr da. Haha! Aber Ihr wart nicht wirklich da, DADADA ..." Er hämmerte das DADADA heraus wie mit einem Maschinengewehr.
Dann winkte er verächtlich ab, als wäre ich selbst einer der Mörder Rudis.

"Was wisst ihr schon, ihr habt eure Taschentücher fein aufgestapelt in der Kommode liegen. Und doch habt ihr Herzen aus Eis oder aus Stein, so ist es. Deshalb müssen wir hier verrecken", fügte er halb abgewandt hinzu.

Er sah über mich hinweg, drehte sich abrupt um und ging fort. Ich stand da wie gelähmt.